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S-Y-K-E (Ein Fall für die Kunst)
Fragen an Michael Weisser von Dr. RainerBessling, Kulturkritiker
(Zur ästhetischen Feldforschung über den Ort SYKE im Jahr 2004
mit Ausstellung im Kreismuseum Syke)

Herr Weisser, Sie hatten vor Beginn Ihrer Arbeit doch bestimmt eine Vorstellung von der Stadt Syke, eine Erwartung von dem, was Sie sich als künstlerisches Recherchefeld ausgesucht haben?

Es wird Sie überraschen. Ich hatte weder eine Vorstellung noch eine Erwartung an das Thema „Syke“. Ich hatte einzig und allein einen Anspruch an mich selbst, diese spontan geäußerte Idee auch tatsächlich zu bewältigen. Ich bin damals angesprochen worden, einen Beitrag zum „Kunstpfad“ einzureichen. Aber ich habe eine größere Dimension gesehen, denn ich dachte mir, was passt besser zu Syke, als Syke selbst. Und Syke ist das Kern-Thema des örtlichen Museums. Also reichte ich dem Kreismuseum ein Konzept für eine Ausstellung zum Thema „Syke“ ein, wobei sich die Kreissparkasse bei der Umsetzung dankenswerter Weise engagiert hat.

Auf welchen Wegen und in welchen Schritten haben Sie sich der Stadt Syke genähert?

Das Konzept sieht vor, Syke mit dem Medium digitale Fotografie zu erfassen. Das Ergebnis der Arbeit konzentriert sich in einem einzigen quadratischen Bild-Feld, in dem sich die 400 Einzel-Bilder des Projektes auf einem Quadratmeter zu einem farbigen Rauschen vereinen. Aus der Ferne betrachtet wird man nichts Konkretes erkennen, sondern nur ein Flimmern wahrnehmen, das sich erst bei Annäherung zugunsten von einzelnen Ansichten aufklärt.
Genähert habe ich mich Syke bewusst in völliger Naivität. Ohne jede Vorkenntnis von Geschichte oder aktueller Situation. So habe ich all jene Situationen festgehalten, die mir subjektiv „interessant“ schienen.
Dabei bin ich drei historischen Linien gefolgt: der Straße, dem Flüsschen und der Bahn. Es sind drei ambivalente Wege, die Syke einerseits zerschneiden aber andererseits die Stadt als Wege der Kraft geschaffen haben.

Wie entwickelte sich dabei Ihr Eindruck, Ihr Bild von der Stadt?

Als erstes musste ich die folgenschwere Erfahrung machen, dass Syke nicht nur diese gleichnamige Stadt ist, sondern ein Bündel von Stadtteilen mit viel Bauernland dazwischen. Das hat mich in den 9 Monaten der Arbeit mehr als 3.300 Km an Fahrt gekostet.
Der Eindruck von der Stadt ist in den Ansichten der Stadt abzulesen! Offensichtlich ist in der Nachkriegszeit ein Modernisierungs-Wahn wie ein Feuer über diese Landschaft gerast und hat viele Bauernhäuser unter Glasbausteinen und Fliesenfassaden begraben. Es mangelt an städtebaulicher Vision, an kreativer Planung und man gewinnt den Eindruck, dass weniger eine Solidarität als vielmehr ein Gerangel gegensätzlicher Interessengruppen Syke geprägt hat. Diese Widersprüche sind ganz offen in den Bildern festgehalten. Sie sprechen für sich, man muss nur hinsehen.
Für mich hat sich das Bild von Syke im Verlauf der Arbeit verdichtet. Ich erkannte Bausünden, lernte schöne Ecken lieben, genoss die Fahrt durch die Wiesen und Felder, entdeckte malerische Fachwerkbauten, stieß immer wieder auf Kriegerdenkmäler, ging über atmosphärische Friedhöfe, erlebte den Duft des jahrhundertealten Humusbiotopen Friedeholz, sowie die Spannung zwischen dem verwischen Boden der Straßen und dem strahlenden Grün der Wiesen. Das sind die Stärken von Syke.

Eine Stadt ist ja auch nicht zuletzt geprägt durch das öffentliche
Leben, durch die Kommunikation im Ort. Wie stellt sich dies für Sie in Syke dar?

Die Menschen und deren Interaktion haben mich bei diesem Projekt nicht interessiert. Nur das, was sich von dieser Interaktion im Verlauf der Zeit im Stadtbild niedergeschlagen hat. Diese Versteinerungen habe ich festgehalten und als Momentaufnahme des Jahres 2003 in dem Werk „S-Y-K-E“ festgehalten.

Sie verwenden für Ihre künstlerische Arbeit die Fotografie. Mich würde interessieren, wie für Sie persönlich der Blick durch die Kamera den Blick auf die Wirklichkeit beeinflusst, verändert?

Der Blick durch den Sucher einer Kamera verändert das Bewusstsein in starkem Maß. Man wählt immer ganz bewusst einen Ausschnitt aus dieser Welt. Man muss sich entscheiden für einen Teil des Ganzen. Das kann mit dem Weitwinkelobjektiv ein großer Ausschnitt sein. Mit dem Zoom wird dieser Ausschnitt immer kleiner. Und im Macro-Bereich entscheidet man sich konsequent für ein Detail.

Sie bilden ausschließlich Details ab, suchen Sie das Typische, das Ausgefallene, das Schöne, das Skurrile?

Mich fasziniert die Schönheit des Alltags. Ich habe die meisten Fotos von Syke an den Sonntag Vormittagen im aufgehenden Licht gemacht. Es war einsam in den Straßen der Orte und auf den Straßen dazwischen. In dieser Stimmung wird bewusst, wie ausgefallen, wie besonders und liebevoll skurril das Banale sein kann, das wir ständig sehen und deshalb auch über-sehen.
Kunst ist eine Methode, sich der Welt zu nähern, ihren Geheimnissen ein Stück weit auf die Spur zu kommen. Mich interessiert die Frage, was ist die Quintessenz eines Objektes, einer Situation, einer Architektur. Dabei bin ich überzeugt, dass der „spirit“ nicht in der Totalen liegt sondern in seinen Details. Deshalb konzentriere ich mich auf die Details und versuche in meinen Bildern diese Details als Idee der Totalen zusammenzufassen.

Ihre Mosaike aus Detailaufnahmen ergeben kein geschlossenes Gesamtbild. Sie überlassen dem Betrachter die Zusammenschau. Lässt sich Ihrer Meinung nach ein Ort nicht in einem Bild repräsentieren. Oder gibt es einfach zu viele S-Y-K-E-S, um diese in eine Abbildung zu pressen?

Ich mache keine Mosaike und keine Puzzles, die man zu einem geschlossenen Gesamtbild zusammensetzen kann. Ich liefere in aller Ehrlichkeit mein subjektives Bild einer definierten Situation und bekenne mich zur Unschärfe, denn mein Bild erschöpft sich nicht als klarer Top-Shot im Postkarten-Klischee, sondern zeigt ein farbiges Rauschen.
Ich gebe dieses Rauschen an den Betrachter meiner Bild-Welt weiter, überlasse ihm die Auswahl seines Favoriten. Man kann die Welt entgegen aller Hoffnungen nicht in einem Bild erfassen. Deshalb setze auf das Prinzip der Sequenz und zeige die Variation auf der Linie, die Matrix auf der Fläche, die Mutation im Raum. Der Betrachter allein hat das Privileg, die Auswahl treffen, die Interpretation vorzunehmen, seine Kriterien auszubilden und sich zu entscheiden.

Welchen Umfang nimmt Ihr Projekt ein?

Im Verlauf meiner Arbeit sind rund 950 digitale Bilder entstanden. Aus diesen habe ich 800 ausgewählt, unter Stichworten geordnet und schließlich 400 für das eigentliche Werk zusammengestellt. Das Ziel aller Arbeit ist also nur ein einziges Bild! Dieses und mehr als 200 Einzelansichten daraus werden im Katalog zur Ausstellung gezeigt.
Das Archiv der 400 Bilder findet übrigens nach der Ausstellung im Mai dieses Jahres im Kreismuseum seinen bleibenden Platz.

Gibt es dennoch in Ihren Augen ein Gesicht, etwas unverwechselbar Charakteristisches der Stadt Syke?

Außer dem Ortsschild SYKE (das Motiv für Einladung und Katalog dieser Ausstellung) habe ich keine Syke-Charakteristik gefunden. Die Marke Syke für Identität und Tourismus zu entwickeln wäre aber eine spannende und durchaus wichtige Aufgabe.

Sie sagen „wäre“ - reizt es Sie als Künstler nicht, über eine Ausstellung hinaus konkret in das Geschehen einzugreifen?

Kunst kann Kontemplation aber auch Intervention sein. Das politische Moment von Kunst sollte den Künstler aber nicht zum verlängerten Arm einer Stadtverwaltung machen. Das heißt, dass die künstlerischen Visionen nicht unter dem Sandpapier der Tagespolitik abgeschliffen werden und zum kleinkarierten Stadtmarketing degenerieren. Insoweit ist der Anspruch auf Intervention in der Praxis schwer einzulösen, denn ein Erfolg setzt gemeinsames Wollen und einen frischen Blick über den Tellerrand voraus.

© www.MikeWeisser.de - 2004


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