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GALERIE – Gesichter der Stadt - PDF

Im Verlauf von zweieinhalb Jahren haben rund 1.000 Menschen in Bremen in den Jahren 2006 bis 2007 an dem Projekt „gesICHter“ an verschiedenen Aktions- und Ausstellungsorten teilgenommen.
Alle Teilnehmer wurden fotografiert und ihnen wurden die gleichen Fragen nach Ihren aktuellen Vorlieben, ihren Wünschen, ihren Stärken und Schwächen sowie ihren Lebens-Perspektiven gestellt. Bei den Gesprächen entstand eine Fülle von spontanen und authentischen Statements über das, was die Menschen hier und heute bewegt.
Im Verlauf dieser Arbeit war ich als Moderator immer wieder Teil von spannenden Dialogen. Exemplarisch für die vielen Gespräche haben nachfolgend dreiundzwanzig Teilnehmer ihre Fragen an mich formuliert. Michael Weisser, Bremen im Dezember 2007

Die Fragen stellten:

Rose Gerdts-Schiffler
– Polizei/Gerichtsreporterin und Krimiautorin -
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Autonomes Architektur Atelier (Hasemann, Kutsch, Schnier) -
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Birgit Becker – Unternehmerin -
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Jens Böhrnsen – Präsident des Bremer Senats und Kultursenator -
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Irmgard Dahms – Künstlerin -
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Prof. Wolfrahm Dahms - Architekt -
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Christian Gotzen – Pastor am Dom zu Bremen -
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Ulla Hamann – TV-Moderatorin buten&binnen -
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Prof. Dr. Helmut Haselbeck – Leiter Psychiatrie Klinik Bremen-Ost -
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Horst von Hassel – Bildungssenator a.D. -
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Ulrike Hauffe – Leiterin Gleichstellungsstelle für Frauen - LESEN
Karoline Linnert – Finanzsenatorin -
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Barbara Lison / Erwin Miedtke – Direktion Stadtbibliothek -
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Dr. Bernd Loock - Facharzt -
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Prof. Dr. Hans-Joachim Manske – Direktor der Städtischen Galerie -
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Prof. Dr. Frieder Nake – Informatiker und Computerkünstler -
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Petra – eine Frau aus der Helenenstrasse -
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Edith Pundt – Künstlerin -
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Ralph Saxe – Weinhändler und Kulturpolitiker -
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Dr. Helga Trüpel
– Europa-Abgeordnete und Kultursenatorin a.D. - LESEN
Christian Weber – Präsident der Bremischen Bürgerschaft -
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Annette Ziellenbach – Schauspielerin und Sängerin - LESEN
Anselm Züghardt – Leiter Kulturzentrum Lagerhaus -
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Rose Gerdts-Schiffler

Herr Weisser – Sie sind Künstler, Fotograf, Schriftsteller, Sachbuchautor und Musikproduzent, haben als Dozent und Radiojournalist gearbeitet. Habe ich da noch irgendetwas vergessen?
Michael Weisser
Ich bin jemand, der sich für die Welt interessiert, der die Welt entdecken und sich im Gespräch mit anderen Menschen austauschen will... und das auch macht.

Rose Gerdts-Schiffler
Sie erforschen die Welt über Kunst?
Michael Weisser
Kunst ist für mich eine sinnlich-intellektuelle Form des Gesprächs. Sie gibt Intensität. Für mich ist es wichtig, mein Leben möglichst bewusst zu gestalten, Erlebnisse und Entwicklungen zu organisieren und auf den Wellenkämmen von Chaos und Ordnung mit Spaß und Ernsthaftigkeit über die Wellenkämme meiner schillernden Identität zu surfen.

Rose Gerdts-Schiffler
Sie sind ein quirliger Mensch, zumindest wirken sie so auf jemanden, der sie das erste Mal trifft. Sie sind ein Mensch mit geschärften Sinnen und haben ein Mammutprojekt mit dem Titel „bremen-AN-sichten“ vor sich. Was für eine Idee steckt hinter diesem Projekt?
Michael Weisser
Der Titel „bremen-AN-sichten“ spielt mit den beiden Bedeutungen des Wortes. Es um Bilder als An-Sichten von etwas. Und es geht um Meinungen als An-Sichten über etwas. Die Bilder, die wir sehen, haben immer etwas zu tun mit unserer Herkunft, mit unseren Anschauungen, mit unserem Glauben und unserem vermeintlichen Wissen und natürlich (!) mit der aktuellen Befindlichkeit.
„bremen-AN-sichten“ habe ich im Jahr 2000 gestartet und auf zehn Jahre angelegt. Ich sammle Bilder und Meinungen von und über diese Stadt. Es geht um Atmosphären, Orte, Objekte und um Architekturen. Es geht um touristische Klischees, wie den Roland, das Rathaus, den Dom, die Stadtmusikanten, es geht um energetische Orte, wie den U-Boot-Bunker in Farge, oder die Psychiatrie des Zentralkrankenhauses Bremen-Ost, den Weser-Strom oder um das, was man unter dem Begriff „Polizei“ versteht.
Ich versuche über die Medien digitale Fotografie und digitale Klangaufzeichnung den „spirit“ eines Themas zu ergründen. Dabei fotografiere ich zumeist extreme Detailansichten, zerlege also den Gesamteindruck und setze diese Details dann in verschiedenen, ästhetischen Verfahren zu neuen Bildern und Räumen zusammen...

Rose Gerdts-Schiffler
...in Bildern, in denen das für Sie Unwesentliche weggelassen ist?
Michael Weisser
Ich konzentriere mich auf das für mich Wesentliche und gehe der Frage nach, welche Elemente definieren den „spirit“, worum geht es wirklich. Das ist nicht nur eine formale, sondern eine existenzielle Frage. Spannend ist, dass ich bei diesem Werk-Prozess nicht nur der Macher bin, sondern zum Beobachter werde, der den Ort und sich darin beobachtet.

Rose Gerdts-Schiffler
...und wie geht es weiter?
Michael Weisser
Ich sehe mir die Bilder an, erkenne, was mir in diesem Moment ganz intuitiv als wichtig erschien, frage mich, ob diese Auswahl auch dem zweiten Blick standhält, besuche den Ort erneut, fotografiere wiederum, diesmal gezielter, schließe Lücken, konzentriere mich auf Nuancen, setze Schwerpunkte.
In einer dritten Phase kann es sein, dass ich im Internet oder im Staatsarchiv recherchiere, dass ich mehr über den Ort wissen will und dann noch einmal punktuell fotografiere.
Dann wähle ich aus dem Pool die aussagestarken Bilder aus und setze sie spielerisch-ernst in Zusammenhänge. Wenn der Ausdruck für den Ort gefunden ist, dann archiviere ich das Thema und hebe es für die Gelegenheit einer Ausstellung auf.

Rose Gerdts-Schiffler
Laufen Sie bei so vielen Anstößen, Reizfeldern, überraschenden Haltepunkten nicht in die Gefahr, sich zu verzetteln?
Michael Weisser
Ver-zetteln... ich arbeite wirklich mit vielen Zetteln, beschreibe ständig Papiere mit langen Listen von noch zu Erledigendem oder überziehe sie mit Ideenskizzen... aber ver-zetteln im Sinne von mich verlieren und handlungsunfähig werden..nein, das passiert mir nicht.
Manchmal bringe ich mich gezielt in ein verzetteltes Chaos, wenn ich nach neuen Ideen suche. Neue Ideen leben vom Wechsel des Standortes, der Sichtweise, von Anspannung und Entspannung... und von meinem Interesse am Thema, also muss ich mich gezielt verwirren, mich hungrig und durstig machen, wenn ich eine Lösung finden will.

Rose Gerdts-Schiffler
Arbeiten Sie als Künstler systematisch?
Michael Weisser
Systematisch-intuitiv! Ich versuche, Intuition mit Logik zu mischen, Gefühl mit Analytik auszuballancieren. Ich pflege kein Bohemeleben, sondern arbeite in einem strukturierten Tag, in dem selbst die Spontaneität Teil der Arbeit an einem Thema ist. Und wenn es bei aller Bewegung noch einen spanischen Carajillo mit italienischem Pecorino-Käse gibt, dann freut mich dieser mediterrane Moment in Bremen.

Rose Gerdts-Schiffler
Aber es erscheint ja für den Betrachter fast beliebig... wenn ich mir das Bremen-Projekt ansehe. Sie haben sich mit dem U-Boot-Bunker in Farge beschäftigt, mit dem Weser-Strom, mit dem Hermann-Böse-Gymnasium aber auch mit unterschiedlichen Bodenbelägen in der Stadt... wie lautet ihr roter Faden, der alles verbindet?
Michael Weisser
Das Thema ist ganz klar. Immer geht es um einen besonderen Ort in Bremen, um Atmosphäre, Architektur oder Objekt, also um ein Thema, das für diese Stadt typisch, wichtig, markant, witzig, bedeutsam oder denk-würdig ist.
Die Potenz des Projektes ergibt sich erst in einer Gesamtausstellung, in der man von Thema zu Thema geht und neue Ein-Sichten in vermeintlich Alt-Bekanntes gewinnt.

Rose Gerdts-Schiffler
Gab es schon Ausstellungen?
Michael Weisser
Ja, das Gerichtshaus habe ich in den drei Räumen der Städtischen Galerie gezeigt und im Gerichtshaus selbst sind drei Räume gestaltet.
Meine Sicht vom Hermann-Böse-Gymnasium habe ich im Wallsaal der Zentralbibliothek ausgestellt und im Treppenhaus des Gymnasiums hängt eine Sequenz von Ansichten.
Zum Weser-Strom gab es eine Ausstellung in den Wehrfeldern unterhalb des Wasserspiegels im Weserwehr und im Wasser- und Schifffahrtsamt Bremen wurden der Eingang und eine Etage gestaltet.
Dazu habe ich eine Monitor-Installation zum U-Boot-Bunker in Farge in der Westkrypta des Doms gezeigt.

Rose Gerdts-Schiffler
Wenn ich es richtig verstanden habe, dann sind Sie seit acht Jahren an diesem Mammutprojekt – richtig? Mal ganz respektlos gefragt: Dürfen wir uns an einem Multi-Talent im Rausch der Sinne erfreuen, wenn wir uns mit dem Werk beschäftigen – oder gibt es eine Botschaft, die sie vermitteln wollen?
Michael Weisser
Mir geht es nicht um eine pädagogisch-belehrend ausgerichtete Botschaft. Jeder Betrachter vergleicht meine Sicht eines Ortes mit seiner Sicht. Erst in dieser Differenz baut sich eine produktive Spannung auf, die hoffentlich für den Betrachter ebenso inspirierend ist, wie für mich. Ich selber lebe für die Dauer des Werkes im Projekt und bin in einem ständigen Prozess des Revidierens von Vor-Urteilen.

Rose Gerdts-Schiffler
Wie hat Ihr Bremen-Projekt begonnen?
Michael Weisser
Die Idee für „bremen-AN-sichten“ hatte ich im Jahr 2001, als ich zum Schöffen am Schwurgericht berufen wurde. In der ersten Strafkammer hatte ich vier Jahre lang Straftaten zu beurteilen und war dem Problem des Vor-Urteils ausgesetzt. Bilder und Meinungen entstehen, werden revidiert, werden verworfen, werden von anderen ersetzt. Während ich auf dem alten Gerichts-Sessel mit der prosaischen Inschrift „Fürchte niemand“ saß, fragte ich mich, was für ein Ort das Gericht eigentlich ist. Ein Raum in einer Architektur mit Geschichte. Ein Ort an dem angeklagt und verteidigt wird, an dem Gutachten erstellt und verlesen werden, an dem Zeugen vernommen und Beweise gewürdigt werden. Es ist nicht der Ort, an dem Gerechtigkeit erreicht wird, hier wird (nur!) ein Urteil gesprochen; auch mit dem Risiko, das es ein Vor-Urteil ist, im schlechtesten Fall also ein Irrtum.
Diese Situation wollte ich darstellen... mich von außen annähern, nach innen kommen, die Worte hören und die in der Zeit als Typografien erstarrten Worte festhalten. Im Verlauf von einem Jahr ist ein Werk entstanden, das nicht nur in der Städtischen Galerie gezeigt wurde, sondern auch in einigen Räumen auf der ersten Etage des Gerichtshauses als bleibende Installation platziert wurde.

Rose Gerdts-Schiffler
Und wenn Sie ihre Botschaft auf einen Satz bringen müssten?
Michael Weisser
Für das Gerichtshaus als Ort würde ich sagen "Ohne Irrtum kann niemand eine Aussage über uns machen“ und für mein Gesamtwerk würde ich sagen, „Leben ist Kunst isst Leben“.

Rose Gerdts-Schiffler
Ihr aktuelles Thema „Gesichter der Stadt“ soll die Vielfalt Bremens zeigen. Sie haben rund 1.000 Menschen in Bremen fotografiert und zig-tausend-mal dafür auf den Auslöser gedrückt. Welche Personen oder Personengruppen haben eigentlich nicht auf Ihre Einladung reagiert? Und was meinen Sie warum nicht?
Michael Weisser
Angesprochen waren alle Menschen in Bremen. Sehr viele haben sich auf den Weg gemacht und das Projekt unterstützt. Eingeladen habe ich über mehr als 3.000 Postkarten, die an vielen Stellen in der Stadt ausgelegt waren. Eingeladen wurde durch eine ständige Berichterstattung in den Zeitungen, buten&binnen-tv hat das Projekt vorgestellt und viele Teilnehmer haben in ihrem jeweiligen Freundes- und Bekanntenkreis dafür geworben.
Dazu habe ich noch selbst etwa zweihundertfünfzig Menschen persönlich angeschrieben, von denen sind gut drei Viertel gekommen.
Nicht gekommen sind die, die von dem Projekt nicht erfahren haben und die Einwände hatten. Ein Teil wollte nicht mitmachen, damit man ihnen nicht Eitelkeit unterstellen kann, ein Teil wollte den Zeitaufwand nicht eingehen und ein anderer Teil fand sich nicht attraktiv genug – das waren die wesentlichen Argumente, soweit ich in der Nachfrage erfahren habe.

Rose Gerdts-Schiffler
Nennen Sie mir drei Menschen, an die Sie sich spontan erinnern.
Michael Weisser
Erstens: Das Portrait-Projekt startete im Stadtteil Huchting in einem Ladenlokal. Hier waren speziell Jugendliche unter dem Stichwort „Casting – Dein Film ist Dein Leben“ angesprochen. Es ging um das Gesicht als Ausdruck von Identität, um Wirkung, um Selbstinszenierung und um Fragen zur Lebensgestaltung. Ein 11-jähriges, pausbäckiges Mädchen mit Namen Havva kam zu mir und stellte fest „Ich möchte nicht mehr so dick sein – aber ich mag so gerne Süssigkeiten“. Das klingt überaus trivial, aber in diesem Satz liegt der generelle Widerspruch von gutem Vorsatz und Einschränkung, von ja/aber, ein unaufgelöster Gegensatz, der mein ganzes Projekt begleitet hat.
Zweitens: In meinem temporären Atelier im Ostertorsteinweg 100 erschien ein Mann. Er war groß, kräftig, dickbäuchig, mit Vollbart, im blauen Overall eines Klempners, eine Pudelmütze auf dem Kopf. Er trat ein, zupfte sich durch den Bart und sah sich die ersten Portraitfotos an. Ich frage ihn, ob er teilnehmen wollte. Oh nein, das dürfe er nicht, er wäre „undercover“ unterwegs und müsste sich hier dienstlich umsehen. Später klärte er mich auf, dass er als verdeckter Ermittler mit Sonderstatus für den BKA arbeitet und einem Drogenkartell im Viertel auf der Spur sei. Der Mann meinte es ernst. Er lebte in seiner Welt. Und ich war froh, ihn nach einigen Monologen an etlichen Tagen dann doch noch fotografieren zu können.
Drittens: Als ich im Lesegarten der Zentralbibliothek fotografierte, besuchte mich eine obdachlose Frau, die seit dreizehn Jahren auf der Straße lebt. Sie setzte sich, sah schüchtern in die Kamera, spielte mit ihrer Puppe und erzählte dabei ohne jede Pause im Verlauf von etwa fünfzehn Minuten ihre Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichte... farbig, detailreich, faszinierend. Ihr letzter Satz war: „Nur auf der Strasse bin ich wirklich frei, die Strasse ist mein Leben!“ Dann ging sie.
Zwischen diesen Begegnungen liegen hunderte von Gesprächen und hunderte von spannenden, lustigen und ergreifenden Erlebnissen mit Menschen und deren Aussagen, die als Zitate festgehalten und typografisch ins Bild gesetzt Zeitzeugen sind, was Menschen hier und heute bewegt.

Rose Gerdts-Schiffler
Sie planen einen Katalog zu diesem Projekt, wie soll der aussehen? Gibt es dafür ein spezielles Konzept oder dokumentieren Sie einfach die Menge der Bilder?
Michael Weisser
Ein Buch soll ein eigenes Medium mit einer eigenen Aussage werden, die über die reale Fotografie neue Räume erschließt.
Die Portraits sollen mit einem digitalen Algorithmus abstrahiert werden und über diese Bildbearbeitung eine neue Anmutung bekommen, die dem Eindruck einer Zeichnung nahekommt. Unter jedes Portrait wird der Vornamen des Abgebildeten gesetzt.
Dazu möchte ich erstmals ausgewählte ZITATE veröffentlichen, wobei nicht das Zitat des Portraitierten unter sein Bild kommt, sondern jeweils zwei fremde Zitate von Mann und Frau unter jedes Portrait gesetzt werden. Spannung soll ertzeugt werden, Fragen sollen provozieren und den Leser inspirieren. Die Abfolge der Portraits wird dabei im alphabetischen Ablauf der Vornamen verlaufen.
Die beiden Zitate werden mit einem Begriff unterlegt und verbunden, wobei sich auch hier die Begriffe alphabetisch durch das ganze Buch ziehen.
Einen eigenen Beitrag liefere ich nur durch die Kopfzeile auf jeder rechten Seite: hier formuliere ich Fragen, die ich mir im Verlauf des Projektes selbst gestellt habe... die FRAGE ist also eigentlich das Prinzip des Werkes...

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Autonomes Architektur Atelier
Warum ist der Himmel blau?
Michael Weisser
Der Himmel ist nicht blau! Kein Gegenstand hat eine Farbe, sondern seine Oberfläche bricht lediglich das Licht der Sonne anders. Blau als blauhimmeliges, kleinwolkiges Rauschen habe ich in Acryl als Hintergrund für die Portraits gemalt...

Autonomes Architektur Atelier
Warum rauscht es bei Herrn Weisser?
Michael Weisser
Auf der Suche nach einer Ordnung im Chaos (Rauschen) muss ich mich psychisch und physisch bewegen. Manchmal finde ich den ersehnten Sinn, weil es mir gelingt, ihn zu konstruieren. In dieser Bewegung zwischen Chaos und Ordnung, zwischen der Totalen und dem Detail und wieder zurück bildet sich die Gestalt... also auch meine...

Autonomes Architektur Atelier
Wieso fotografieren sie wildfremde Menschen?
Michael Weisser
Ich habe ein Projekt definiert, und erfülle die gesetzten Parameter. Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass ich daran die Intensität finde, nach der ich offensichtlich suche...

Autonomes Architektur Atelier
Kann man die Menschen auf ihren Bildern einem Ort zuordnen?
Michael Weisser
In einigen Fällen ja. Die Bettler sind in der City, bestimmte Damen in der Helenenstrasse, die seriösen sind eher in Schwachhausen oder in Oberneuland, die multikulturellen sind eher in Walle, in Gröpelingen, in Huchting, in Kattenturm und in Tenever, die Ausgeflippten und Kreativen sind eher im Viertel – aber letztlich sind es nur Tendenzen, nie Wahrheiten.

Autonomes Architektur Atelier
Was macht Bremen so bremensisch?
Michael Weisser
Die erstarrten Bilder vom Roland, vom Rathaus, vom Dom, von den Stadtmusikanten. Die Klischees, die das Stadtmarketing definiert. Wahrlich bremensisch ist vielleicht der Anspruch „„buten un binnen – wagen un winnen“. An den sollte man sich mal wieder besinnen und Neugierde, Ausdauer und Kreativität mit etwas mehr Wagnis verbinden, so kann man ein lebendiges Stadtimage schaffen!

Autonomes Architektur Atelier
Bin ich ein Körper oder hab ich einen Körper?
Michael Weisser
Das „Ich“ behauptet zu Recht, einen Körper zu haben. Der Körper ist selbstsicher genug, um dem „Ich“ diese Illusion zu lassen.

Autonomes Architektur Atelier
Was ist der Zusammenhang zwischen Zeit und Raum?
Michael Weisser
Der Raum wird für mich nur erfahrbar, wenn ich mich in ihm verändere. Diese Veränderung misst man in Zeit. Ich messe mich an meiner Veränderung. Manchmal allerdings vermisse ich mich.

Autonomes Architektur Atelier
Was ist Kunst? Was ist Arbeit?
Michael Weisser
Wenn man die Kunst beherrscht, Arbeit zur Kunst werden zu lassen, dann ist man im wahren Sinne mehr ein künstlerischer Arbeiter als ein arbeitender Künstler... ansonsten ist und bleibt Kunst ein harter Beruf!

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Birgit Becker
Wie haben Sie die Menschen ausgewählt. Ist die Auswahl zufällig oder statistisch angelegt?
Michael Weisser
Alle Bremer wurden vielfach über die Presse eingeladen. Gekommen sind viele (zu meinem Glück nicht alle!). Einige Gruppen, wie Behinderte, Obdachlose, Punks etc. habe ich ganz gezielt eingeladen....
Gerade diese Gruppen waren übrigens am meisten interessiert zu wissen, wann sie sich denn in der geplanten BildWand sehen können...

Birgit Becker
Was wollen Sie mit dem Projekt bewirken? Für sich? Für die Teilnehmer? Für die Betrachter?
Michael Weisser
Für mich wollte ich Erfahrungen mit vielen Menschen machen, sie nach ihren Vorlieben, ihren Stärken und Schwächen und ihren Perspektiven befragen.
Die Teilnehmer haben bei dieser Gelegenheit sehr viel über sich erfahren, weil sie sich durch meine Fragen mit sich beschäftigen konnten.
Die Betrachter des gesamten Projektes können schließlich in den verschiedenen Portraits und Zitaten aus einer Distanz überprüfen: wie wirke ich unter all den anderen....

Birgit Becker
Was meinen Sie... wie wirkt das geplante Bild auf einen Betrachter?
Michael Weisser
Das Bildfeld, auf dem sich rund 850 Einzelbilder versammeln, wird aus der Entfernung erst einmal flimmern. Es wird rauschen. Man wird nicht erkennen, worum es sich handelt. Erst bei der Annäherung erkennt der Besucher, dass es sich um eine Summe von Menschengesichtern handelt. Sie alle blicken den Betrachter direkt an. Ich stelle mir eine suggestive Wirkung vor. Aber letztlich fühlt und entscheidet das natürlich jeder Betrachter ganz individuell.

Birgit Becker
Als Unternehmerin interessiert mich natürlich auch immer die wirtschaftliche Seite. Wie finanzieren sie so ein großes Projekt?
Michael Weisser
Die Frage ist einfach, die Antwort ebenso: So ein Projekt finanziert sich sehr umständlich und aufwändig und schwierig!
Da es sich um einen laufenden Prozess handelt, bei dem niemand weiß, wie das Ergebnis aussieht braucht man Sponsoren, die genügend Vertrauen aufbringen und an den Künstler und an dessen Leistung glauben.
Das „Werk“ ist ein Prozess, er erstreckte sich mit Ideenentwicklung, Organisation, wechselnden Orten, ständigen Medienkontakten, Fotosessions, Gesprächen, Bildbearbeitungen über den langen Zeitraum von zwei Jahren. Es gibt keinen Sponsor, der so eine Langzeitarbeit im Block finanziert. Also habe ich den Prozess aufgeteilt in einzelne Aktionen, die sich wie Bausteine zu einem Puzzle zusammensetzen.
In Huchting habe ich mit der Fotografie von Jugendlichen begonnen. Das Projekt wurde getragen mit Hilfe des Ortsamtsleiters und des Ortsteilbeirates, der Landeszentrale für Politische Bildung, dem Senator für Kultur, der Hollweg-Stiftung, der GEWOBA, dem Intercoiffure Iden+Maire, dem Roland-Center und der Firma Nopar-International.
Die zweite Phase in der Bremer City konnte ich in Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek und der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung durchführen.
Die dritte Phase habe ich im Bremer Viertel Ostertor/Steintor umgesetzt. Da hat mir der Beirat Mitte sowie das Kulturzentrum Lagerhaus geholfen.
Die vierte Phase fand im Kulturbunker F38 in Schwachhausen statt, da haben mich der Inhaber des Bunkers, der Ortsteilbeirat Schwachhausen und der Verein Wachmannstrasse e.V. unterstützt.
Dann wurde der Vorschlag umgesetzt, alle entstandenen Portraits als Wandbild zu organisieren, die Finnanzierung dieser aufwendigen Arbeit hat die Bremer Landesbank getragen.
Es sind also viele Organisationen und viele einzelne, engagierte Menschen an diesem Gesamtprojekt beteiligt.

Birgit Becker
Können Sie zusammenfassend sagen, was die Menschen in Bremen am meisten bewegt?
Michael Weisser
Immer wieder kommt die Eigenkritik, dass sich die Menschen als zu gutmütig beschreiben und sich dadurch unter ständigem Druck sehen.
Ebenfalls selbstkritisch sehen die Menschen ihre Abhängigkeit von der Zigarette, dem Alkohol und von Drogen.
Viele haben Sorgen, wie es ihnen wirtschaftlich ergeht, viele befürchten Absturz in die Armut.
Jugendliche machen sich Sorgen, ob sie künftig überhaupt noch einen Job bekommen.
Besonders Frauen ab Ende Vierzig wollen sich befreien, wollen aufbrechen zu neuen Ufern, sehen sich auf der Suche, freuen sich auf Veränderung.
Viele haben den Wunsch, sich besser zu entfalten, wollen kreativ sein, wollen einen Ausdruck für sich finden und darüber sprechen.
In der Tendenz sind Frauen eher experimentierfreudig, neugierig, positiv gestimmt, dynamisch...

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Jens Böhrnsen
Sagen die Gesichter Bremens etwas aus - haben sie eine Botschaft?
Michael Weisser
Jedes Gesicht blickt den Besucher, der vor dem BildFeld in der Zentralbibliothek steht in die Augen und sagt: Hier bin ich! Ich bin ein Teil des Ganzen! Ich bin der Einzelne in der Vielfalt!

Jens Böhrnsen
Gibt es ein "typisch bremisches Gesicht"?
Michael Weisser
Das Gesicht unseres amtierenden ersten Bürgermeisters ist für mich ein „typisch“ Bremisches Gesicht.

Jens Böhrnsen
Hat das Projekt eine identitätsstiftende Wirkung?
Michael Weisser
Identitätsstiftend für viele, die sich an dem Projekt beteiligt haben. Ich denke, dass sich viele danach anders gesehen haben. Ich habe immer die Überzeugung vertreten, dass ausnahmslos jedes Gesicht schön im Sinne von ausdrucksstark und identisch ist. Jedes Gesicht ist eindrucksvoll. Prägnanz kann man natürlich durch Gestaltung steigern.

Jens Böhrnsen
Sind die Portraits wirklich ein Querschnitt der Stadtgesellschaft... und wenn, ja: welchen Charakter hat die Stadt?
Michael Weisser
Ich habe mich mit sehr viel Aufwand um diesen Querschnitt bemüht. Der Charakter der Stadt, wie er sich aus dem BildFeld ableitet ist vielfältig, bunt, freundlich...

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Irmgard Dahms
Warum steht keiner Kopf?
Michael Weisser
Das fragt mich die Künstlerkollegin und spielt auf die Idee unseres Malerfürsten an. Ich habe klassisch fotografiert, wie sich die Menschen gezeigt haben. Wenn sich ein Teilnehmer per Handstand auf den Kopf gestellt hätte (toll!!!), dann hätte ich ihn selbstverständlich in dieser Position portraitiert, dann hätte es ein Portrait auf dem Kopf gegeben. Aber es ist leider niemand auf diese Idee gekommen!

Irmgard Dahms
Gibt es in anderen Städten ähnliche Projekte, die das „Deutschlandbild“ in so einer Weise repräsentieren?
Michael Weisser
Von einem Projekt mit diesem Konzept habe ich noch nicht gehört... aber: wer weiss?

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Wolfrahm Dahms
Was ist spezifisch an den Bremer Portraits - was unterscheidet sie von denen aus anderen Städten?
Michael Weisser
Eine Stadt wie Bremen ist Ort und Zuhause von vielen Menschen dieser Welt, insoweit repräsentiert das Projekt nicht direkt ablesbar den Ort. Es gibt erst in der großen Menge gewisse Tendenzen... aber Ziel meiner Arbeit war es nicht, den “typischen“ Bremer zu zeigen, sondern eine Menge von Menschen in der Stadt Bremen...
Spezifisch für Bremen sind natürlich die Menschen, die man als Promis kennt!

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Christian Gotzen
Die „Gesichter der Stadt“ sind – wie viele Ihrer Werke – bewusst als Kunst im öffentlichen Raum konzipiert. Welche Botschaft an die Passanten verbinden Sie damit – und welche Wirkung auf den Betrachter versprechen Sie sich?
Michael Weisser
Ich suche den Kontakt zum Betrachter. Diesen Kontakt finde ich optimal in der Zentralbibliothek mit ihrem Standort direkt in der City. Hier ist der Ort bereits das Programm.

Christian Gotzen
Die „Gesichter der Stadt“ zeigen die ganze Vielfalt und Unterschiedlichkeit, die das Gesicht einer Stadt prägen und ihr Identität geben. Ich kann mich als Stadtbewohner in ihnen wieder finden und sehe mich als Teil, wie ein „Mosaikstein“ eines Ganzen. Welche Aussage hat diesbezüglich Ihr Werk – insbesondere angesichts der ständig zunehmenden Anonymität in den Großstädten?
Michael Weisser
Von weitem gesehen sind keine Gesichter zu erkennen, sondern nur ein Flimmern. Erst wer sich selbst annähert, erkennt die Form, den Inhalt und den Sinn. Erst durch Annäherung lösen sich Anonymität und Isolation auf!

Christian Gotzen
Die „Gesichter der Stadt“ stellen Prominente neben Außenseiter der Gesellschaft. Sie zeigen die Schönheit wie die Hinfälligkeit menschlichen Lebens. Beides wird in einer Stadt täglich sichtbar, mit all den Konflikten, die sich für das Zusammenleben daraus ergeben. Die quadratische Formatierung aller Bilder impliziert die Gleichrangigkeit: Ich erkenne darin einen Appell, alle Menschen als Gottes Ebenbild zu sehen. Inwiefern könnte Ihr Werk ein Beitrag sein, die Zuerkennung menschlicher Würde im Zusammenleben unterschiedlicher Individuen zu fördern?
Michael Weisser
Das Bild steht für die Schönheit der Vielfalt m Ganzen, wie im Einzelnen. Vielfalt braucht zu seiner Existenz den Respekt eines jeden Einzelnen für jeden Einzelnen! Respekt spiegelt die Anerkennung von Würde. Jeder hat das gleiche Recht. Es gibt keine Ausgrenzung. Bei allen Unterschieden in den sozialen Szenen, den kulturellen Hintergründen, den religiösen Bekenntnissen, den gelebten Werten und den körperlichen Erscheinungen sind doch alle Menschen verbunden durch das gleiche Recht.

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Ulla Hamann
Welche Erwartungen hattest Du an Dein Projekt "Gesichter der
Stadt?“ Sind Vorurteile/Erwartungen bestätigt worden oder hast Du die Bremer vielfach neu kennen gelernt und entdeckt?
Michael Weisser
Mein tägliches Brot war die Überraschung. Darauf habe ich mich immer wieder gefreut! Natürlich war ich anfangs etwas unsicher, wie ich diesem oder jedem Menschen begegne, was ich frage, wie weit es mir gelingt, das starre keep-smiling-cheese-face für ein möglichst natürliches Abbild zu entkrampfen.
Ich bin rund 1000 Menschen meistens im intensiven Gespräch begegnet, das veränderte mich, macht sicherer, lässt Vorurteile verblassen, gibt Einblick in die Vielfalt, in persönliche Schicksale.

Ulla Hamann
Wo hast Du Deine größte Überraschung erlebt?
Michael Weisser
Meine Arbeit war bei jeder Begegnung immer dann intensiv, wenn die Teilnehmer genügend Zeit mitbrachten, so dass es zu einem Gespräch kam. Gesprächig waren bzw. wurden fast alle, wobei mein Fragebogen überaus hilfreich war, weil er mir Ansatzpunkte zur Diskussion gab. Eine nennenswerte Überraschung war für mich, dass eine junge Frau in das Studio im Ostertorsteinweg kam, die ich später als bekannte Schauspielerin in den Donna Leone Filmen erkannte.

Ulla Hamann
Hat sich Dein Bremer-Bild verändert?
Michael Weisser
Während meiner meiner Arbeit habe ich erlebt (!), dass Deutschland ein Einwandererland ist. Das war mir vorher nicht so deutlich und hat klar gemacht, dass die Klischees vom „Typischen“ in der Auflösung begriffen sind. Ich sehe derzeit eher Tendenzen und Wahrscheinlichkeiten...

Ulla Hamann
Wer war der schwierigere Foto-Gast: die "ungeübten" Bremer Bürger
oder die foto-gewohnten Politiker?
Michael Weisser
Da ich eine möglichst natürliche Mimik und Gestik der Teilnehmer erreichen wollte war es bei den Politikern deutlich schwieriger, die beharrliche präsentierte Schokoladenseite aufzuweichen.

Ulla Hamann
Welche Foto-Session ist Dir unvergesslich?
Michael Weisser
Ein einzelnes High-Light gab es nicht. Dagegen kam es zu vielen erfrischenden Begegnungen mit ganz normalen Teilnehmern ebenso wie mit ganz bekannten Gesichtern aus der Politik, der Wirtschaft oder der Kultur. Im positiven Sinne eindrucksvoll habe ich eher die Behinderten, die Skurrilen, die Obdachlosen und Drogensüchtigen in Erinnerung...

Ulla Hamann
Gibt es Gesichter der Stadt, in die Du Dich "verliebt" hast?
Michael Weisser
Dem Vorurteil nach verliebt man sich ja in Schönheit. Bei mir hat sich der Begriff „Schönheit“ während des Projektes gewandelt. Das vordergründig Schöne ist schnell langweilig geworden. Das Skurrile hat mich viel intensiver beschäftigt, ohne dass ich mich allerdings „verliebt“ habe...

Ulla Hamann
Hast Du neue Freunde gefunden?
Michel Weisser
Im Verlauf meines Projektes haben sich viele spannende Kontakte und überraschende Einblicke ergeben. Das ist schon sehr viel...

Ulla Hamann
Hat der Einblick in die Gesichter der Stadt Dein eigenes Verhältnis
zu Deinem Umfeld verändert?
Michael Weisser
Ja. Die Begegnung mit einer Vielfalt bettet die eigenen Positionen in einen größeren Zusammenhang. Das schafft ein höheres Maß an Toleranz ohne in Gleichgültigkeit zu verwässern.

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Helmut Haselbeck
Was hat dich motiviert, von der bisherigen Konzentration auf
architektur- und eher musterbezogene Bildnerei zur Physiognomik, zur Konzentration auf Gesichter zu wechseln?
Michael Weisser
Eigentlich war ein Fotoprojekt zum Thema Gesichter von mir nicht vorgesehen. Als sich der Gedanke ergab, eine künstlerische Arbeit über den Stadtteil Bremen-Huchting zu machen, kam die besondere Situation der dortigen Jugend ins Gespräch (im Jahr 2005 brannten einige Autos). Jugendliche anzusprechen (ohne auf der Schiene des Sozialarbeiters daherzukommen) schien mir am besten über die Frage nach der
aktuellen Lebenssituation, nach den Perspektiven und generell nach der Gestaltung des Lebens zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Frust und Lust. Wenn man fragt, was ist der Träger von Identität, dann kommt man direkt zum Gesicht, zur Inszenierung...

Helmut Haselbeck
Welcher Kern hält den Pudel im innersten zusammen?
Michael Weisser
Der Kern ist, dass wir in einem Formungsprozess leben, den wir „Casting“ nennen können! Jeder ist der Regisseur, Schauspieler und Produzent seines persönlichen „Films“ ist, den wir Leben nennen. Das wichtigste Lehr-Fach müsste die „Lebensgestaltung“ behandeln, doch dieses Fach gibt es nicht – weder an der Schule, noch an der Universität!
Darüber wollte ich mich mit der Jugend und später mit Erwachsenen in Bremen unterhalten.

Helmut Haselbeck
Nutzt die Abbildung von Gesichtern zur Identitätsfindung einer Stadt?
Michael Weisser
Die Abbildung von Gesichtern stößt auf sehr hohes Interesse. Es scheint nichts Spannenderes zu geben, als der Vergleich des Ego mit den Ähnlichen seiner Art. Wenn man die Schüler einer Klasse portraitiert, oder die Mitarbeiter in einem Unternehmen, oder eine gesellschaftliche Gruppe oder Szene, dann stellt sich jeweils ein ganz starkes WIR-Gefühl ein.
Wenn man die bekannten Gesichter einer Stadt mischt mit den unbekannten, dann stellt sich ebenfalls eine Zuordnung ein. Ja, das sind die Menschen dieser Stadt... und jeder, der dabei ist, spricht von einem „WIR in Bremen“...
Spannend ist die Frage, inwieweit Portraitfotografie (besonders in Sequenzen, die Veränderungen zeigen) in einer klinischen Situation inspirierend wirken, um Gespräche zu entzünden...

Helmut Haselbeck
Woher stammt deine Liebe für die stramme Strukturierung,
Schematisierung (?) der Bilder, (gleiche Formate,
Farben des Hintergrundes etc.)?
Michael Weisser
Ich habe mich bemüht, die Gesichter möglichst vergleichbar zu machen, deshalb der gleiche Hintergrund, auf dessen Blau sich die Portraits gut abheben. Da ich von Anfang an vorhatte, die Bilder zu einem Feld zu organisieren, bot sich das quadratische Format an.

Helmut Haselbeck
Woher schöpfst du nur die Energie, den unglaublichen (An)trieb, zur Bewältigung solch gewaltiger Vorhaben?
Michael Weisser
Sublimation? Sehnsucht nach Ewigkeit? Magie des Erschaffens von Formen? Setzung eines Lebenssinns? Materialisierung von Zeit? Eigenbau von Spiegeln?

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Horst von Hassel
Das Projekt ergibt sich aus einer Fülle von Bildern. Zu allen Zeiten haben Bilder als Ab-Bilder in Religionen eine Rolle gespielt. Hat das Projekt auch eine religiöse Dimension?
Michael Weisser
Religiös ??!!... sicherlich nicht im Sinne einer Kirche. Aber sicherlich religiös im Sinne eines generellen Respekts vor Menschen! Den erfährt man dann, wenn man sich intensiv mit Menschen beschäftigt

Horst von Hassel
Gab es beim Fotografieren erkennbar den Versuch von Teilnehmern, sich zu verstellen und damit eine bestimmte Rolle einzunehmen?
Michael Weisser
Sehr interessant gefragt – ich hatte so eine Rollenposition vorhergesagt und war sehr erstaunt, dass außer den Politikern kaum ein Teilnehmer den Eindruck machte, sich zu verstellen. Vielleicht lag das auch an der lockeren Atmosphäre, um die ich mich immer bemüht habe...

Horst von Hassel
Spielte die soziale Situation der fotografierten Menschen eine Rolle?
Michael Weisser
Ich habe ganz bewusst die Menschen unserer Stadt auf unterschiedlichen Wegen angesprochen, um möglichst viele soziale Szenen zu erfassen. Die Presse hat sehr viel berichtet und Aufrufe mit meiner Kontaktadresse veröffentlicht, das Fernsehen buten&binnen hat einen Bericht gebracht. Es wurden an vielen Stellen hunderte von Einladungskarten verteilt und ich habe die Menschen dort angesprochen, wo sie sich aufhalten, wo sie wohnen: in der City, im Viertel, im Ortsteil Huchting, in Schwachhausen, in Walle... selbst in der Helenenstrasse habe ich für das Projekt geworben und einige Damen sind auch gekommen.

Horst von Hassel
Was war die wichtigste Motivation der Teilnehmer, sich für das Projekt fotografieren zu lassen?
Michael Weisser
Man könnte meinen, dass eine Eitelkeit eine Rolle gespielt hat, einfach dabeizusein, gesehen zu werden, sich zu positionieren.
Das hat sich aber in den Begegnungen ebenso wie viele andere Vor-Urteile letztlich als Irrtum erwiesen.
Die meisten (um nicht zu sagen fast alle) Teilnehmer fanden es einfach spannend, sich so einer Situation auszusetzen. Viele wollten für sich selbst wissen, wie sie wirken. Viele haben sich dann lange mit mir unterhalten und empfanden die Aktion als ein ganz persönliches Erlebnis, weil es nicht um „keep-smiling“ Fotos ging, sondern um den ganz natürlichen Ausdruck.

Horst von Hassel
Was macht ein menschliches Antlitz „schön“?
Michael Weisser
Ich habe viele Menschen getroffen, die Schönheit nach den gängigen Werbe-Ikonen rein äußerlich definieren. Dies ohne sich bewusst zu machen, dass es alle diese Gesichter der Warenwerbung und der Medien in der Realität nicht gibt! Alle Gesichter sind geschminkt, retuschiert, verändert! Wir tragen also das Ideal als Illusion in unserer Werteskala! Für ich ist ein authentisches Gesicht „schön“, ein lebendiges Gesicht, das die Gefühle des Moments widerspiegelt. Das ist spannend...

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Ulrike Hauffe
Haben Frauen Ihnen andere "Lebens-Werte" vermittelt als Männer?
Michael Weisser
Ja. Mir ist aufgefallen, dass Frauen auffällig engagierter mit sich umgehen, dass sIe neugieriger sind, experimentierfreudiger, kreativ. Sie sind eher multi-tasking-fähig als Männer, die mir sehr konzentriert auf ihren Beruf und ihr Hobby schienen. Bei deN Frauen herrschte eine Aufbruchstimmung, ein Spaß am Wandel, ein gewisser Spaß am Risiko.

Ulrike Hauffe
Konnten Sie besondere Unterschiede feststellen abhängig davon, welchen sozialen Hintergrund die Frauen hatten? Oder gab es unabhängig von sozialen Merkmalen grundsätzliche Übereinstimmungen bei den Frauen?
Michael Weisser
Der Unterschied der sozialen Szenen fiel dort auf, wo die Wünsche sehr konkret wurden wie etwa „ich wünsche mir eine neue Küche“ zu „ich möchte kreativer werden“.
Die Aufbruchstimmung war bei Frauen aus Schwachhausen am ausgeprägtesten!

Ulrike Hauffe
Haben Sie eine Idee, warum die Frauen Ihrer Bitte zum Portraitfoto gefolgt sind?
Michael Weisser
Weil sie gerne mit sich experimentieren, weil sie wissen wollen, wie sie aussehen und wie sie wirken, weil sie sich beobachten. Männer dagegen sahen ihr Bild meist als Bestätigung, ja, so ist es! Frauen betrachteten ihre Portraits eher unter dem Gesichtspunkt, was kann ich ändern und besser machen.

Ulrike Hauffe
Welche künstlerische Idee vermuteten Frauen hinter der Aktion?
Michael Weisser
Das hat kaum eine Frau erfragt. Den meisten war klar, dass es um eine Sammlung verschiedener Gesichter ging.

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Karoline Linnert
Eine Stadt, die so arm ist wie Bremen, braucht ganz besonders kreative Menschen. Welchen Beitrag kann nach Ihrer Meinung die Kunst leisten, um allgemeine Kreativität einer Stadt anzuregen?
Michael Weisser
Kunst ist eine gefühlsbasierte Art, die Welt zu sehen und Bedeutungen zu setzen. Dazu ist sie ein besonderes Medium, um emotional zu kommunizieren. Kunst ist immer die Sicht der Realität durch die Linse der Erfahrung eines Individuums. Darin ist sie variationsreich, fokussiert, konzentriert, individuell, ja egozentrisch!
Sie bietet Anregungen, Bekanntes auf neue Weise einmal anders zu sehen. Sie inspiriert, Vereinzeltes zu verknüpfen. Sie schafft Variationen von Eindrücken, blickt über den Tellerrand und hinter die Kulissen und bricht derart verkrustete Klischees. Kunst erinnert, gestaltet, konfrontiert, provoziert, erzeugt Wohlgefühl oder mahnt. Kunst ist Bewegung und Anlass für Gespräche. So erhöht sie die Attraktion ihres Standortes: je ungewöhnlicher oder provokanter sie ist, desto stärker ist ihre Wirkung. Ihre Aura entfaltet sie allerdings nur, solange man sie nicht funktionalisiert und zum Hampelmann eines schnell wirkenden Stadtmarketings degeneriert.
Die besonderen Qualitäten von Kunst bieten eine Grundlage für Kreativität und Innovation. Kunst stimuliert eine Wissensgesellschaft, die vornehmlich von Ideen und deren Verknüpfung lebt.
Diese Atmosphäre der Inspiration ist nicht einzufangen wie ein Schmetterling, der für den Schaukasten stirbt. Diese Atmosphäre wirkt langfristig, schafft ein Klima für Kreative und strahlt schließlich auch in einem Transformationsprozess auf neue Produkte, Verfahren und Dienstleistungen ab. Um diese komplexen Qualitäten von Kunst im weitesten Sinne zur Entfaltung zu bringen muss man sie von Seiten der Politik in ihrem breiten Fächer wirklich ernst nehmen, hochhalten, fördern und pflegen.

Karoline Linnert
Sie haben an verschiedenen Orten hier in Bremen fotografiert. Haben sich diese Orte zufällig ergeben oder ist das Teil der Planung, Teil des Konzeptes?
Michael Weisser
Wenn man einen Bogen über soziale Szenen, kulturelle Vielfalt und religiöse Unterschiede spannen will, dann muss man verschiedene Orte für so eine ästhetische Feldforschung aufsuchen. Man muss die Menschen dort abholen, wo sie sind, in ihren Quartieren und in ihren Szenen. Orte wie Huchting, City, Viertel, Walle, Gröpelingen und Schwachhausen ergaben sich durch den Anspruch, ausdrücklich eine Vielfalt erfassen zu wollen.

Karoline Linnert
Als Finanzsenatorin interessiert mich natürlich auch immer die wirtschaftliche Seite eines Projektes. Wie finanzieren sie so eine komplexe und langwierige künstlerische Arbeit?
Michael Weisser
So eine Arbeit ist nur sehr aufwendige zu finanzieren, deshalb danke ich allen bisherigen Sponsoren sehr und nenne sie gerne. Gefördert haben das Projekt: Der Senator für Kultur, die Karin und Uwe Hollweg Stiftung, der Präsident der Bremischen Bürgerschaft, die Rudolf Alexander Schöder Stiftung, die Landeszentrale für Politische Bildung, die Stadtbibliothek, das Kulturzentrum Lagerhaus, die Bremer Landesbank, die Ortsteilbeiräte von Huchting, Walle, Schwachhausen und Mitte, sowie das Roland Center, die Intercoiffure Iden+Maire, sowie Nopar International...

Karoline Linnert
Kunst hat ja in den meisten Fällen direkt etwas mit dem, der sie schafft zu tun. Wie ist das bei Ihnen? Wo finden Sie sich in Ihrem Projekt, das ja von fremden Menschen handelt, ganz persönlich wieder?
Michael Weisser
Ich habe eine Idee entwickelt und darin eine Atmosphäre geschaffen, in der sich die Teilnehmer der Aktion auf sich selbst besinnen konnten. Ich habe sie zu Gesprächen über das Leben angeregt und die entstandenen Bilder ausgewählt und medial umgesetzt. Damit fühle ich mich dem Werk soweit verbunden, dass ich Teil des Ganzen geworden bin.

Karoline Linnert
Portraitieren Sie bestimmte Personengruppen besonders gern? Wenn ja warum?
Michael Weisser
Eigentlich ist jede Begegnung neu und spannend. Ganz besonderen Spaß gemacht haben mir die kreativen Inszenierungen vorwiegend von Jugendlichen. Hier wurde so viel Witz und Engagement freigesetzt, dass ich hoffe, diese vielen Sequenzen in folgenden Ausstellungen zeigen zu können.
Sehr interessant fand ich die Fotografie und Gespräche mit den sogenannten sozialen Randgruppen, den Obdachlosen, den Bettlern, den Drogenabhängigen, den Straßenmusikanten und den Punks, den Gothics, den Gestylten mit Tattoos und Piercings, auch die Begegnung mit Frauen des Bordells Helenenstraße war spannend, weil mir diese Szene unbekannt war.
Herausragend für mich war das Engagement des Vereins Lebenshilfe Bremen und das Engagement von Behinderten, bei meinem Bild über die Menschen in der Stadt mitmachen zu wollen.
Ausdrücklich spannend fand ich die Gespräche mit Bremer Politikern, Parlamentariern, Bürgermeistern, Bänkern, Geistlichen, sowie mit Schauspielern und Musikern, die ich nur aus der Presse oder von der Bühne her kannte.
Und eine Gruppe habe ich ganz besonders gern fotografiert, nämlich die, die sich eigentlich nicht fotografieren lassen wollten, die ich überzeugen konnte, dieses Wagnis für sich selbst einzugehen, über den eigenen Schatten zu springen, eine ganz neu Erfahrung mit sich zu machen und mir zu vertrauen.

Karoline Linnert
Wie reagieren Frauen, wie Männer vor Ihrer Kamera? Gibt es typische Unterschiede?
Michael Weisser
Frauen zeigten sich eher als offener, neugieriger, experimentierfreudiger. Frauen hatten deutlich mehr Spaß am Umgang mit sich selbst, an der Erfahrung mit sich selbst., sie inszenierten sich auffallend gerne.

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Barbara Lison / Erwin Miedtke
Gibt es literarische Werke, von denen Sie sich bei Ihrer Arbeit anregen lassen?
Michael Weisser
Nein – definitiv nicht.

Barbara Lison / Erwin Miedtke
Als Ort für Ihr zusammenfassendes Wandbild haben Sie sich die Zentralbibliothek der Stadtbibliothek Bremen ausgesucht. Warum?
Michael Weisser
Ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen. Hier kommen Menschen, die Interesse zeigen. An Informationen über Fremdes, an sich selbst. Menschen, die eine Bibliothek besuchen wollen etwas wissen, sie wollen sich weiterbilden, sie wollen lernen. Sie blicken in die interessierten Gesichter fremder Menschen und können Fragen stellen und darin lesen... insoweit ist mein Wandbild ein großes, offenes Buch...

Barbara Lison / Erwin Miedtke
Nach welchen Kriterien nehmen Sie die Auswahl für die Installation vor?
Michael Weisser
Ich werde die Portraits in einer gezielten Spontaneität zusammenbringen. Da ich Ballungen von ähnlichem vermeiden will, muss ich den Zufall planen. Es soll also ganz zufällig aussehen und ist doch genau geplant....

Barbara Lison / Erwin Miedtke
Welche Wirkung wollen Sie als Künstler bezogen auf die TeilnehmerInnen und auf die späteren BetrachterInnen des kompletten Werkes erzielen?
Michael Weisser
Das Werk soll die Gefühle und die Gedanken anregen. Erst einmal sucht jeder Teilnehmer automatisch sich selbst, dann seine Freunde und Bekannten. Dann wird verglichen. Das Bild mit der Erinnerung an die Gesichter. Dann sieht man sich in Ruhe um, erkennt Kleingruppen und Bezüge, die zufällig oder bewußt gesetzt sind.
Man erkennt, dass auch die sogenannten Randgruppen berücksichtig wurden. Dann setzen vergleiche ein. Wer ist „schön“, wer ist „interessant“ oder gar „skurril“...

Barbara Lison / Erwin Miedtke
Gibt es Trends, bestimmte Gewichtungen und ggf. auch Auffälligkeiten?
Michael Weisser
Ich habe mich bemüht, keine Trends deutlich werden zu lassen. Auch auf Gewichtungen habe ich verzichtet. Im Gegenteil, es hat sehr viel Mühe gekostet, die Gruppen zu „entzerren“, eine bunte Mischung herzustellen, die auf Vielfalt verweist!

Barbara Lison / Erwin Miedtke
Sie arbeiten an einem "Bild der Menschen in Bremen". Es sind Menschen einer Stadt in Deutschland. Steht Ihre Arbeit auch für ein aktuelles Deutschland-Bild?
Michael Weisser
Ja! Es ist ein Bremen-Bild entstanden, das zugleich repräsentativ für andere Deutsche Städte steht, damit ist mit diesem Werk ein visueller Beitrag zum aktuellen Deutschland-Bild entstanden. Es zeigt Vielfalt!

Barbara Lison / Erwin Miedtke
Was motiviert Sie als Künstler?
Michael Weisser
Die höchste Motivation bietet ein gerade erfolgreich abgeschlossenes Projekt, wie dieses. Im Verlauf von zwei Jahren intensiver Arbeit, ein 5x5 Meter grosses Bild-Feld aus 850 Einzelbildern zu schaffen und an einer vormals leeren Wand zu installieren erfordert so viel Energie, Ausdauer und Engagement, dass man am Ende ein wohliges Gefühl hat. Es ist geschafft, und es war schön. Was kommt nun?

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Bernd Loock
Mit Deinen Portraits kehrt das Subjekt in die Stadt zurück. Lässt Du es durch die Menge der Bilder wieder verschwinden?
Michael Weisser
Ich wende mich einer Menge zu, treffe mit Einzelnen zusammen und bette die Abbilder der Einzelnen diese wieder in eine Menge ein. Mich interessiert das Rauschen, wenn viele Einzelne in eine Menge und bei genügendem Abstand des Betrachters sich zu einem Flirren vereinen und im umgekehrten Prozess durch die Annäherung des Betrachters sich das Rauschen zu Gunsten vieler Identitäten wieder auflöst. Was sich wirklich verändert, ist nicht das Bild und in ihm der Einzelne oder die Menge, sondern was sich verändert ist ganz allein das wechselnde Erlebnis im Betrachter, während er sich bewegt! Die Bewegung des Wahrnehmenden verändert die Wahrnehmung des sich Bewegenden!

Bernd Loock
Warum bekommen die Portraits durch Kostümierung und Berufszusätze einen Hinweis?
Michael Weisser
Weil sich bestimmte Teilnehmer über das bloße Portraitfoto hinaus dafür interessierten, wie sie ihren Ausdruck durch Accessoires verändern. Es gibt Bildserien, in denen diese Veränderung Zug um Zug vonstattengeht. Diese Serien zeigen den spannenden Wechsel von Anmutungen.

Bernd Loock
Welche Optik benutzt Du?
Michael Weisser
Technisch gesehen: Auf meiner digitalen Kamera Nikon D70s benutze ich das Sigma-Zoom 18-200mm Objektiv.
Biologisch und vor allem psychisch gesehen nutze ich als Optik natürlich meine Augen. Das entscheidende Erkennen leistet mein Gehirn in Verbindung mit meinem ganzen Körper und seiner Geschichte. Ich sehe nicht das, was die Technik zeigt, sondern das, was die Vielfalt meiner Konstitution durch ihre Erfahrungen gewohnt ist, zu sehen.

Bernd Loock
Was wäre zur Zeit Dein lustvollstes Projekt?
Michael Weisser
Eigentlich versuche ich, immer möglichst „lustvoll“ zu arbeiten, weil mir das die höchste Motivation bringt, um recht komplexe und arbeitsintensive Projekte überhaupt leisten zu können. Es geht mir offensichtlich um eine Sehnsucht nach sinnlich/rationaler Intensität...

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Hans-Joachim Manske
Warum blicken bei dir alle Portraitierten direkt in die Kamera. Hast Du einen Dialog gesucht, eine Korrespondenz der gegenseitigen Wahrnehmung?
Michael Weisser
Ich habe den direkten Bezug für mich und später auch für den Betrachter der Bilder gesetzt. Der direkte Augenkontakt signalisiert die Bereitschaft zur Kommunikation. Und Kommunikation durch Inszenierung von Identität war mein Thema.

Hans-Joachim Manske
Du schaffst einen Rahmen, der aus dem Motiv geprägt ist. Dieser Rahmen begrenzt aber nicht das Motiv, sondern lässt es bis zum Bildrand laufen. Ist das nicht ein Widerspruch?
Michael Weisser
Ja! Dieser Widerspruch ist integraler Teil des Werkes. Er soll deutlich werden durch die Prägung eines illusionistischen Bildrahmens aus dem Bild. Das Bild selbst setzt seine Abgrenzung, so wie sich jede Identität durch sich selbst von der anderen abgrenzt.
Dazu ist der Rahmen von besonderer Form. Es ist kein Schmuck-Rahmen, sondern er suggeriert eine Illusion, nämlich die der Plastizität. Jedes Bild soll den Eindruck erwecken, eine Taste zu sein. Eine Taste, auf die man drücken kann und es passiert etwas. Wir leben in einer Gesellschaft, die durch mechanische und elektronische Verfahren geprägt ist. Diese Verfahrensabläufe werden ausgelöst durch den Druck auf eine Taste. Drück die Taste und ein automatisierter Vorgang wird gestartet. Was passiert, wenn man die taste „Mensch“ drückt?
Die „Taste drücken“ steht zudem für die Sehnsucht nach Erfüllung von Wünschen ohne Arbeit!

Hans-Joachim Manske
Der Hintergrund Deiner Portraits gibt keinen Hinweis auf das abgebildete Individuum, sondern ist blaugewölkt, offen und damit neutral.
Michael Weisser
Ja. Ich möchte das Gesicht in den Vordergrund der Betrachtung rücken und durch nichts ablenken.

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Frieder Nake
Meinst Du, die Portrait-Galerie könnte die politische Selbständigkeit Bremens retten? Oder schadet sie?
Michael Weisser
Ich nehme diese humoristische Frage, die auf die verändernde Kraft der Kunst zielt, überraschend ernst... das Werk „Galerie Gesichter der Stadt“ steht exemplarisch für die Menschen dieser Stadt, und die Menschen in dieser Stadt bestimmen in der parlamentarischen Demokratie über ihre Abgeordneten und über die Parteien. All dies natürlich nur im Rahmen der Möglichkeiten, im Rahmen der üblichen Macht-Rangeleien und der herrschenden Ideologien...

Frieder Nake
Hast Du eine Studie in Auftrag gegeben, die die Riesenmasse der Einzelstudien als Ausgangsmaterial bekommt und daraus allerlei Quersummen zieht: alle Politiker, alle Penner, alle Schauspieler, alle Hausfrauen etc. Diese Studie soll ein komplettes, nie dagewesenes, völlig innovatives und den Standort nachhaltig beeinflussendes Psychogramm des Bremers schlechthin entwerfen. Auch der Bremerin, schlechthin.
Michael Weisser
So eine Auswertung des angesammelten Materials wäre überaus interessant... eine gute Idee für eine Forschungseinrichtung an der Universität Bremen, zum Beispiel für die Kulturwissenschaftler. Ich selbst kann das leider nicht leisten...

Frieder Nake
Eine schöne Idee wäre doch, die Methode MW an der einen oder anderen Schule einzusetzen. Die SchülerInnen würden mit den Lehrern Stürme auslösen (vorher Sturmwarnung ausgeben!).
Michael Weisser
Gute Anregung! Ich denke darüber nach, in einer Publikation die Ergebnisse des Projektes so zusammenzufassen und aufzubereiten, dass sie als Anregungen für Schulen und Bildungseinrichtungen genutzt werden können. Das wäre dann ein Kunstwerk mit hohem Gebrauchswert (also kein Kunstwerk mehr!)

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Petra
Alle Portraits wurden von Ihnen vor einem einheitlichen Hintergrund aufgenommen. Hat das eine besondere Bedeutung? Welche?
Michael Weisser
Der Hintergrund sollte nicht von den Gesichtern ablenken. Alle Gesichter sollen vor einheitlichem Hintergrund die gleiche Chance der Wirkung haben.

Petra
Alle Gesichter blicken direkt in die Kamera. Was bezwecken Sie mit dieser Einstellung?
Michael Weisser
Der Betrachter soll mit dem Gesicht Auge in Auge sein. Direkte Konfrontation ist die Absicht. Intensität soll entstehen.

Petra
Sind Sie eigentlich selber in Ihrem großen Wandbild vertreten?
Michael Weisser
Ganz am Ende des Projektes ist mir deutlich geworden, dass ich nicht mehr der distanzierte Macher warm, sondern immer mehr Teil der Arbeit geworden bin. Als so ein Teil des Ganzen habe ich ein Portrait von mir in der Wand platziert, das ein Schüler aufgenommen hat.

Petra
Was empfinden sie, wenn Sie am Ende aller Arbeit jetzt vor Ihrem eigenen Werk stehen?
Michael Weisser
Als alle Bilder in die Matrix eingelebt waren, habe ich mir im Lesegarten der Zentralbibliothek einen Becher Kaffee gezogen und in die Augen der 850 Gesichter gesehen. Keines möchte ich missen, viele Erinnerungen kamen auf. Ich fühlte mich stolz, das Projekt tatsächlich, trotz aller Schwierigkeiten und Erschöpfungen bewältigt zu haben. Ich dachte in diesem Moment daran, was für Schicksale sich auf dieser Wand versammeln, in der alle friedlich nebeneinander leben und in die Augen des Betrachters sehen. Das war ein ganz stiller Moment.

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Edith Pundt
Warum hast du diese Arbeit gemacht? Was war für dich wichtig an diesem Projekt?
Michael Weisser
Eigentlich wollte ich nie Menschen fotografieren, weil sich diese bewegen, weil sie unberechenbar sind, unpünktlich, spontan und mich damit in Stress setzen. Eine Architektur steht einfach da, hält still und ich kann mich in Ruhe af das Licht und auf meinen Standort als Fotograf konzentrieren.
Andererseits ha mich gerade diese Schwierigkeit herausgefordert. Und heute kann ich sagen, es hat sich gelohnt, Ich habe mit den 1000 Menschen meines Projektes überaus spannende Erfahrungen gemacht.

Edith Pundt
Was ist die künstlerische Aussage?
Michael Weisser
Das Projekt entspricht im Kern meiner Auffassung von Kunst: Sich dem Neuen annähern, sich für das Fremde interessieren, sich der Innovation stellen, Risiken eingehen, um dem „spirit“ vom Leben näher zu kommen. Ich erfülle mit dem Projekt kein Sendungsbewusstsein, will keine definierte Aussage machen. Ich hatte meine Erlebnisse mit den Teilnehmern und die Teilnehmer hatten ihre Erlebnisse mit mir.
Entstanden sind viele Bilder, Portraits, Ansichten von Gesichtern in einem ganz bestimmten Augen-Blick. Ein Betrachter könnte sich fragen was habe ich mit diesem fremden Gesicht oder diesem fremden Zitat zu tun? Was ist gemeinsam, wo finde ich mich wieder, was ist anders, was stösst mich ab und warum kommen diese Gefühle in mir auf....

Edith Pundt
Gibt es eine soziologische Aussage? Und wenn ja, war sie von vornherein mitgedacht?
Michael Weisser
Meine Intention war es nicht, eine wissenschaftliche Untersuchung zu bebildern. Es ging um Erfahrungen, die man aus de Bildwelt ablesen kann: Schönheit ist eine Verabredung auf gemeinsame Kriterien. Spannend ist, was anders ist. Langweilig ist, was den Klischees der Modewelt entspricht. Faszinierend sind Brüche in klaren Vorgaben... Kunst ist nicht die smarte Deko über dem Sofa, sondern das Erlebnis, das mich beschäftigt.

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Ralph Saxe
Ich frage mal ganz provokativ: Deine Arbeit der Portraitaufnahmen könnte auch ein gewerblicher Fotograf ausführen und Deine Befragungen könnten von einem Soziologen gemacht werden. Was hat das eigentlich mit Kunst zu tun?
Michael Weisser
Kunst ist kein Qualitätsurteil sondern lediglich die Beschreibung eines Arbeitsverfahrens, nämlich keinen unmittelbaren Zweck zu erfüllen. Ein gewerblicher Fotograf wäre kaum auf die Idee gekommen, so ein Projekt mit überaus unsicherer Finanzierung zu starten. Ein Soziologe hätte nicht diese vagen Fragen gestellt und Antworten so subjektiv ausgewählt sondern peinlich genau auf Ergebnisse geachtet.
Kunst ist eine überaus persönliche Angelegenheit, sie ist bewusst subjektiv. Das unterscheidet sie von der Wissenschaft (die Wissen schafft!) Kunst schafft Gefühle!

Ralph Saxe
Du bist Künstler. Warum stellst Du dieses Projekt nicht in einem Museum (also an einem Kunst-Ort) sondern in der Zentralbibliothek aus?
Michael Weisser
Für mich war es ganz besonders interessant, das Projekt aus Bildern und Worten an einem Ort stattfinden zu lassen, an dem es um Bilder und Worte (in Form von Büchern, Zeitschriften etc.) geht! Besser als hier können die Gesichter der Stadt nicht positioniert und aufgehoben sein.

Ralph Saxe
Um Deine eigenen Fragen aufzugreifen: Was bewegt Dich im Moment am meisten?
Michael Weisser
Mich bewegt sehr konkret die Frage, an welchem Ort und in welchem Zusammenhang ist nach den Gesichtern nun die Zitate der Teilnehmer einbringen und positionieren kann. Diese Poesie des Alltags ist unglaublich vital und eindrucksvoll. Diese Statements verdienen einen Ort, an dem sie anderen Menschen begegnen, gelesen, gefühlt, verstanden und nachempfunden oder verworfen werden. So oder so sollen diese Zitate ansprechen, aufwühlen und Protest, Ablehnung, Lächeln oder Zustimmung erfahren.

Ralph Saxe
Wie siehst Du Deine eigene Zukunft?
Michael Weisser
Stets bewegt und darin positiv!

Ralph Saxe
Hast Du Dich selber als Teil Deines Projektes empfunden? Oder standest Du immer „über“ allem?
Michael Weisser
Am Anfang stand ich über Allem! Dann wurde ich mehr und mehr aufgesogen von den Begegnungen, den Fragen, den Antworten, den persönlichen Geschichten, die auch nach meiner Geschichte fragten... zum Schluss war ich Teil des Projektes und bin deshalb konsequent auch Teil der BildWand geworden...

Ralph Saxe
Hat Dich Dein Projekt merklich beeinflusst? Wenn ja, in wie weit?
Michael Weisser
Die Antwort müssten die geben, die mich kennen. Für mich kann ich sagen, dass ich mich verändert habe. Ich bin gelassener geworden, toleranter, lächelnder...

Ralph Saxe
Ich habe es selbst erlebt: die vielen Gespräche mit den Menschen haben Dich auch persönlich stark gefordert. Und dann hast Du Nächte hindurch Tausende von Bildern bearbeitet. Wie schafft man das und hält die Balance? Braucht man für so ein Projekt auch eine Art Sammelleidenschaft?
Michael Weisser
Eine Leidenschaft braucht man in jedem Fall. Auch die, zu sammeln. Wobei für mich das Sammeln nicht Haben-Müssen bedeutet, um zu haben, sondern um vergleichen zu können! Kriterien entstehen erst und einzig in einem Feld des Ähnlichen!
Die Bilderflut war in der Tat ein Problem, das mir Schlafprobleme gebracht hat, denn in den Träumen rollte immer wieder eine Welle von flirrenden Bildern über mich hinweg... und es waren Bilder mit Geschichten, Schicksale, Augen, die mich ansahen und Fragen, die mir gestellt wurden... Manchmal hat die Erschöpfung nach einem 10-Stunden-Tag ausgereicht - manchmal tat ein Rotwein abends gut. Manchmal brauchte ich eine Schlaftablette....

Ralph Saxe
Sind Deine Offenheit, Neugier und Kommunikationsfähigkeit angeboren?
Michael Weisser
Nein, das sicher nicht. Wenn man freiberuflich stets neue Themenfelder sucht oder kreiert, dann werden Offenheit und Neugier zur Voraussetzung um zu überleben.

Ralph Saxe
Mich interessiert noch etwas ganz persönliches. Gibt es eigentlich in Deinem Leben einen durchgängigen Bogen, in dem die Kunst immer der Mittelpunkt ist?
Michael Weisser
Uneingeschränkt ja!

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Helga Trüpel
Ist Ihre Vorstellung von Deutschland vielfältiger geworden, seitdem Sie diese Arbeit gemacht haben?
Michael Weisser
Unbedingt. Mir wurde deutlich, wie sehr man in seinem Kreis, in seiner Szene verhaftet ist, so auch ich. Erst meine Arbeit hat mich in Stadtteile wie Huchting, Gröpelingen, Walle, Tenever und Kattenturm geführt. Erst so habe ich die kulturelle und soziale Vielfalt der Menschen in der City und im Ostertor in ihrem Ausmaß erfahren.
Der unmittelbare Kontakt zu jugendlichen Punks und Gothics, zu Business-Menschen der City, Obdachlosen und Strassenmusikanten, zu Politikern und Kulturmachern, zu Handwerkern und Arbeitslosen, zu den Prostituierten der Helenenstrasse, zu Schülern verschiedener Schulen und auch zu vielen Behinderten hat mich sehr beschäftigt. Diese unglaubliche Vielfalt sehe ich generell als wichtige Bereicherung, als Quelle einer gesellschaftlichen Kreativität, wie immer die einzelnen Probleme auch gelagert sind.
Mir ist deutlich geworden: Unkenntnis über den Anderen macht diesen zum Fremden. Das Fremde erzeugt Ängste. Ängste fördern Aggressionen. Aggressionen erzeugen Gewalt. Allseits geforderte Gewaltprävention basiert demnach auf intellektueller und vor allem auf emotionaler Kommunikation.
Wenn ich alle Gesichter meines Projektes auf einer großen Fläche zusammenfasse, dann steht dieser formale Akt für einen Inhalt!
Dadurch, dass die Hintergründe der Portraits bei geringen Lichtschwankungen alle gleich sind schaffe ich eine Gemeinsamkeit. Alle stehen auf gleichem Grund! Alle blicken den Betrachter direkt an, beziehen ihn ein und sprechen ihn an...

Helga Trüpel
Ist die Realität Einwanderungsland für Sie offensichtlicher geworden?
Michael Weisser
Ja! Mir war vorher nicht bewusst und ich hatte kein Gefühl dafür, wie viele unterschiedliche Kulturen sich mittlerweile bei uns treffen. Natürlich wird so ein Umstand auch Thema von Gesprächen. Unterschiedliche Meinungen prallen aufeinander. Durch konkrete Begegnungen habe ich eine ganz andere Auffassung von den Begriffen Integration und Migration gewonnen. Wenn man in diesem Land Ghettos vermeiden will, dann darf man nicht den versuch unternehmen, gleich-machen zu wollen. Vielmehr muss man die Vielfalt unterstützen, das individuelle von Kulturen fördern, das Besondere von Ritualen aufzeigen. Wichtig ist allerdings, das sich die Vielfalt auf Grundregeln des Miteinanders (Toleranz, Gewaltfreiheit etc.) einigt. Das, was jeder für sich fordert, nämlich Verständnis, Respekt und Toleranz muss auch er zu geben bereit sein.

Helga Trüpel
Sehen Sie durch die Fotos mehr von den Menschen als nur durch die natürliche Anschauung?
Michael Weisser
Wenn man sich ein Portrait auf dem Monitor ansieht und dabei noch in die Tiefen hineinzoomt, bietet eine radikal andere Sicht! Gesichter sind Landschaften, die von ihre Geschichte geprägt wurden.

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Christian Weber
Als Schirmherr des Projektes liegt mir schon lange die Frage auf der Zunge, was hat Sie bewogen, gerade den Präsidenten der Bremischen Bürgerschaft um diese Unterstützung zu bitten?
Michael Weisser
Ich habe im Frühjahr 2006 mit den Jugendlichen in Bremen-Huchting das Projekt „Galerie Gesichter der Stadt“ gestartet. Wenn man unter dem Stichwirt „Casting...“ die Jugend anspricht, dann ist Seriosität überaus wichtig. Diesen Eindruck wollte ich in Richtung Jugendliche und Eltern signalisieren. Zudem ist es wichtig, den Teilnehmern zu zeigen, dass es bei so einer Aktion um Ernsthaftigkeit geht, um einen hohen Anspruch von Qualität und um eine politische Fundierung. Wer ist das kompetenter als der Vertreter der Bremischen Bürgerschaft, der über die Parteien hinweg allgemeine Grundsätze von demokratischem Miteinander vertritt.
Die geplante abschließende Ausstellung sollte zudem im Herzen der City stattfinden.

Christian Weber
Sie haben im Verlauf Ihrer Arbeit rund 1000 Menschen in unserer Stadt befragt und fotografiert. Was für einen generellen Eindruck haben sie von der Stimmung der Menschen in Bremen gewonnen?
Michael Weisser
Die Stimmung war nicht sonnig! Viele Menschen haben Angst vor der Zukunft. Besonders die Situation der Arbeitsplätze, die steigenden Kosten, die Versorgung der Familie, die Zukunft der Kinder belastet die Menschen. Aber auch der stets steigende Stress, die immer weiter steigenden Anforderungen verunsichern die Menschen.
Rasante Veränderungen, ständiges Dazulernen verunsichern. Viele haben den Eindruck, das Leben nicht mehr bewältigen zu können. Alles wird komplizierter. Es fehlt an Muße, an Absehbarkeit und Überschaubarkeit.
Hinzu kommen die Sorgen vor Konflikten und Kriegen, sowie die zunehmende Belastung der Umwelt... viele Menschen haben das tiefe Gefühl, machtlos zu sein, ohnmächtig, etwas ändern zu können...

Christian Weber
Wurden Sie eigentlich auch selber von den Teilnehmern mit Ihren eigenen Fragen konfrontiert? Waren es also eher dialogische Gespräche, die sie geführt haben oder ging es nur um das Ausfüllen eines Fragebogens?
Michael Weisser
Sehr viele Fragen kamen an mich zurück. Natürlich wollten viele Wissen, wie man so als Künstler lebt, ob das überhaupt möglich ist....
Aber im Vordergrund de Atmosphäre stand immer das Wohlgefühl vieler Menschen, endlich einmal selber erzählen, schimpfen, klagen und manchmal sogar einem Fremden etwas beichten zu können...

Christian Weber
Wie geht die künstlerische Arbeit bei Ihnen weiter? Wie sieht Ihr neues Projekt aus? Schließt es sich an Ihre nunmehr zweijährige Arbeit an oder machen sie etwas ganz anderes?
Michael Weisser
Nachdem das WandBild in der Zentralbibliothek fertiggestellt ist, arbeite ich mit Schülern der Allgemeinen Berufsschule in Bremen am Thema „Wir sind die Vielfalt hier“. Die Portraits zeigen anschaulich, wie multikulturell Deutschland wird. Dazu diskutiere ich in Klassen die Voraussetzung für funktionierende Vielfalt, nämlich gegenseitiges Interesse und Respekt!
Parallel zu diesem Schulprojekt werte ich rund 900 Fragebögen aus und bearbeite ausgewählte Zitate von Projektteilnehmern typografisch zu Statements, die als Sequenz oder BildFeld an einem öffentlichen Ort installiert werden sollen....

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Annette Ziellenbach
Wie bist Du auf die Idee gekommen, ein solches Projekt zu machen?
Michael Weisser
Die Idee, mich im Rahmen meines Bremen-Projektes mit Jugendlichen zu beschäftigen, hat der Leiter des Ortsamtes Huchting zum Jahresende 2005 an mich herangetragen. Ich kam auf den Gedanken, über das Portrait die Frage nach der bewu0ßten Lebensgestaltung zu stellen. So war das soziokulturelle Projekt „Casting – Dein Film ist Dein Leben“ aus der Taufe gehoben. Nach Abschluss dieses Foto- und Diskussionsprozesses wurde das Interesse an dieser Portrait-Idee so stark, dass ich im Januar 2007 das Werk „Galerie Gesichter der Stadt“ begonnen habe.

Annette Ziellenbach
Nach welchen Kriterien hast Du Leute angesprochen?
Michael Weisser
Ich musste die Ansprache so breit als möglich halten. Das war weitaus schwieriger, als nur eine Zielgruppe an einem Ort unter einem Thema zu kontakten. Ich musste an unterschiedlichen Orten arbeiten und mit verschiedenen Sprachen sprechen.

Annette Ziellenbach
Wie hast Du die Menschen motiviert mitzumachen?
Michael Weisser
Ich denke, mein Engagement hat sich übertragen. De Teilnehmer haben bemerkt, dass sich bei mir etwas bewegt, dass mein Arbeitsort wirklich authentisch ist.

Annette Ziellenbach
Hast Du mit Ihnen während der Fotositzungen gesprochen?
Michael Weisser
Ja, immer! Ich habe immer versucht, die Antworten aus dem Fragebogen aufzugreifen und provokante Fragen zu stellen, die die Telnehmer von der Fotosituation ablenkt. So sind die entspannten, natürlichen Aufnahmen entstanden.

Annette Ziellenbach
Wolltest Du, daß sie sich verändern, und wenn ja, in welcher Weise?
Michael Weisser
Ich wollte, dass sich die Teilnehmer entspannen, dass sie so sind, als würden sie nicht fotografiert.

Annette Ziellenbach
Hast Du Ihnen innere Bilder gegeben, um ihren Ausdruck zu beeinflussen?
Michael Weisser
Bei längeren Sessions, in denen die Teilnehmer verschiedene Gesichter zeigen wollten, habe ich sie angeregt, sich in bestimmte Gemütszustände wie Ärger, Wut, Wohlgefühl etc. zu versenken.

Annette Ziellenbach
Glaubst Du, daß man Teile davon theatralisch umsetzen könnte?
Michael Weisser
Ich habe so viele spannende Szenen erklebt, dass man das ganze Projekt eigentlich zu einem dramatischen Theaterstück verarbeiten könnte. Eine Fülle von Lebensgeschichten, mit vielen intimen Details habe ich erfahren. Spannend, dramatisch, hintergründig, tragisch... das sind alles Kriterien für ein gutes Theater! Dazu sehe ich die entstehenden Portraits als eine wachsende Bühnengestaltung....

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Anselm Züghardt
Warum steht das Projekt unter einem Motto?
Michael Weisser
Mit der Forderung nach „Mehr Vielfalt, mehr Kreativität, mehr Miteinander“ mache ich deutlich, dass es mir nicht um Voyeurismus geht, sondern um die ernsthafte Erforschung und respektvolle Darstellung einer bestehenden Vielfalt, die ich als Grundlage für Kreativität sehe. Und Kreativität ist die Essenz einer jeden Gesellschaft!

Anselm Züghardt
Mit was für Dimensionen muss man bei diesem Projekt rechnen?
Michael Weisser
Wenn Du nach dem Umfang fragst, kann ich sagen, dass insgesamt 1.000 Personen im Verlauf von 2 Jahren fotografiert wurden. Bei einem Schnitt von 50 Fotos pro Person sind insgesamt 50.000 Bilder fotografiert, angesehen und einzeln bewertet worden.
Daraus wähle ich im Schnitt 8 Bilder pro Person aus, das sind 8.000 Fotos im Archiv. Jeweils ein Portrait sammle ich in einem Pool für das WandBild.

Anselm Züghardt
Wo liegt der Schwerpunkt des Projektes?
Michael Weisser
Ich fotografiere die Gesichter, wie sie kommen. Ausnahmslos jedes Gesicht ist mir willkommen. Dabei gibt es besonders extrem gestaltete Gesichter, Gesichter von Menschen aus Randgruppen und auch Gesichter von ängstlichen Menschen, die sich nicht gerne fotografieren lassen. All diese möchte ich überzeugen, auch teilzunehmen, denn die Stadt definiert sich in ihrer Vielfalt, das heißt, dass niemand ausgeschlossen wird. Also suche ich besonders die seltenen, außergewöhnlichen, originellen Gesichter in Bremen. Gesichter, die mit Identität und Einzigartigkeit experimentieren.

Anselm Züghardt
Warum hat Dein Projekt einen Schirmherrn?
Michael Weisser
Gerade bei der Arbeit mit Jugendlichen ist es wichtig klar zu machen, dass ein „seriöser“ Hintergrund gegeben ist. Mit dem Präsidenten der Bremischen Bürgerschaft Herrn Christian Weber habe ich eine Bremer Persönlichkeit gewonnen, die über den politischen Parteien steht. Der Präsident ist Hausherr des Parlaments, also der im demokratischen Prozess gewählten Vertreter des Volkes...


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