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Kultur als Selbstbestimmung
Zu den Ausführungen über den Aufbruch Bremens zur Kulturhauptstadt.

Von Michael Weisser, 1/03 für taz-Bremen

Die Idee von einem „Bremen als Kulturhauptstadt“ ist mehr als ein brillanter Schachzug auf dem Feld zwischen Kultur und Kommerz. Diese Idee verlässt die begrenzten zwei Dimensionen des Feldes von schwarz und weiß, denn sie baut eine Brücke in den Raum, der alle Nyancen von Grau zulässt. Mehr noch. Diese Idee versucht in ihrer Projektion, die Zustände von schwarz und weiß zu überwinden und schickt sich sogar an, Farbe in den Raum zu malen.

„Bremen als Kulturhauptstadt“ klingt mehr nach einem intelligent-sinnlichen Werk der Konzept-Kunst, als nach hemdsärmeliger Kommunalpolitik, und so liegt der Reiz dieser Idee gerade darin, den Blick über den Tellerrand einzufordern, die Vision von einem „besseren Morgen“ auf den Weg zu bringen. Worin liegt die Vision? Und: Was wird aus einer „guten Idee“ für das Morgen, wenn sie freigelassen wird in die Praxis eines dornenreichen Heute?

1. Zur Diskussion steht ein Projekt, das „alle Bremer Kräfte“ fordert. Was immer das „alle“ zusammenfasst, muss es sich doch abgrenzen. Oder liegt der gemeinsame Nenner in der Qualität der „Kraft“. Wer alles beteiligt, was bereits „kräftig“ ist, der muss sich die Frage stellen, ob das, was sich heute als „kräftig“ und mächtig und bedeutsam zeigt auch geeignet ist, eine Vision für morgen zu tragen. Konkret: Wer heute entscheidet, der muss die Leuchttürme für einen Weg setzen, der morgen befahren wird. Wohin soll der Weg führen, wenn nicht „hinaus aus der finanziellen Schieflage“?!

2. Zur Diskussion steht das Land Bremen und die „Neubewertung seiner traditionellen Kultureinrichtungen“. Tradition zeichnet sich aus, dass sich erhalten hat, was im gesellschaftlichen Konsens als bewährt gilt. Die geforderte Neu-Bewertung setzt also Maßstäbe, die mit den Werten von heute die Qualität von morgen bewerten sollen. Was ist in diesem Zusammenhang Qualität? Stehen die Kultureinrichtungen auf dem Prüfstand ihrer bloßen Tauglichkeit für Stadt-Promotion, für Bettenbelegung, für Touristenkonsum, für wirtschaftlichen Aufschwung?
Und was ist mit jenen Formen von Kultur, die nicht in einer Einrichtung verpackt sind, die nicht die „Kraft“ einer schlagkräftigen Organisation mit der Lobby zu Politik und Wirtschaft haben? Die keine großen Zuschauerzahlen in die Waagschale von Kosten und Nutzen werfen können? Fallen diese bunt-oszillierenden Atmosphären von Kunst und Musik in der Vision einfach über die Tischkante? Steht der lebendige Humus vor Ort zur Disposition? Schon heute saugen die euphorisch gehuldigten Kulturdinosaurier wie schwarze Löcher jede freie Masse an Zuschüssen, Sponsorings und Aufmerksamkeit in sich auf. Kann ein Land mit monopolistischen Monolithen in Wirtschaft und Kultur die „finanzielle Schieflage“ überwinden und ein positives Klima des Wachstums nähren?

3. Zur Diskussion steht der „Bürger als Sinnstifter“. Man hat ihn also nicht vergessen, den Bürger. Man braucht ihn, denn wer sollte die Kulturdinosaurier besuchen, finanzieren, beklatschen, wenn nicht er. Aber soll der Bürger als die wahre Kraft in der Stadt wirklich nicht nur zahlender Zuschauer, sondern tatsächlich auch aktiver Teil an der Entwicklung der Vision sein?
In der Systhemtheorie ist „Sinn“ die eigentliche Kraft, die die Mitglieder der Gesellschaft verbindet, mit der sich der Einzelne abgrenzt vom anderen, und mit dem er sich zugleich auch an Werte bindet. Dieser Sinn findet seinen Niederschlag in der Kultur; insoweit ist der Bürger ein Kulturschaffender, indem er Kultur macht, weil er sie fordert und fördert. Kultur findet über ihre Alltäglichkeit statt, sie lebt von ihrem Austausch. Insoweit ist Kultur ihr eigener Ausdruck, ihre eigene Kommunikation.
Kommunikation wird also die tragende Kraft für die Vision sein, die in Bremen auf den Weg gebracht werden soll.

4. Zur Diskussion steht eine neue „Projektgesellschaft“, die gegründet werden soll, um die Umsetzung der Vision zu leisten. Spätestens hier geht es hart an die Substanz dieser Vision, die sich vom Manna der Kreativität ernährt, neue Wege zu gehen. Kann eine traditionell hierarchisch organisierte GmbH, die weitgehend unter Vermeidung der parlamentarischen Kontrolle das knappe Geld dieses Landes ausgibt der Träger und Promotor einer breit angelegten Vision sein?
Ein „künstlerischer Leiter“ soll her, der sich „kreativ wohlfühlt“; das klingt eher nach einem Guru, der sagt, wo es langgehen wird, als nach einem Moderator, der die kreativen Kräfte entdeckt, stimuliert, ihnen zu einem Ausdruck verhilft und die Ideen konzentriert.

5. Zur Diskussion steht schließlich, den „Prozess zum Zweck selber“ zu machen. Dieser kurze Satz erfasst die nachhaltige Idee vom sich selbst steuernden System, er meint, dass der euphorische Aufruf zur Verbesserung bereits durch sich selbst Anfang der Verbesserung ist. Wie wahr.
Klar machen muss man sich nur, wie das System definiert werden soll. Wenn darunter nicht nur die „bewährten“ Kräfte qua Amt oder Organisation verstanden werden, wenn man sich nicht dem Oberguru verschreibt, keine Heilsbotschaften predigt und die kulturellen Organisationen vor Ort nicht zu PR-Maschinen für Wirtschaftsförderung degeneriert...
sondern wenn es tatsächlich gelingt, das kreative Potential einer kulturell engagierten Vielfalt vor Ort zu moderieren und zur kraftvollen Entwicklung zu helfen, dann könnte die Vision in Teilen Wirklichkeit werden.

Alles möglich, alles gut - bliebe da nicht die knisternde Frage offen ob all dies wirklich noch zur Diskussion steht, oder ob nicht alle Weichen bereits gestellt sind, der Zugführer an Bord ist, die Bremsen schon gelöst wurden und die Waggons rollen, ohne das wirklich wahrzumachen, was des Pudels Kern ist, nämlich Sinn nicht von außen überzustülpen, sondern von innen zu stimulieren.

© www.MikeWeisser.de - 2005


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