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Leserbrief 11/2003 von Michael Weisser
zum Interview mit dem Direktor der Kunsthalle Bremen über
„Chancen und Gefahren für die Kulturszene“
WK vom 14.11.2003

Der Direktor der Bremer Kunsthalle Wulf Herzogenrath hat ausgesprochen, was sich viele Bremer besorgt fragen: Wie kann man den Anspruch, Kulturhauptstadt sein zu wollen vereinbaren mit der Wirklichkeit einer zunehmend verunsicherten und frustrierten Kulturszene.

Es liegt an den Politikern in dieser Stadt, zu entscheiden, die Weichen zu stellen, Positionen zu markieren, Prioritäten zu setzen. Endlich muss Klarheit geschaffen werden, wie die kulturelle Zukunft dieser Stadt aussehen soll. Nicht nur die Kunsthalle, sondern nahezu alle Institutionen in dieser Stadt stehen mit dem Rücken an der Wand, ohne gesicherte Zukunft. Bei vielen geht es dabei mittlerweile um das pure Überleben.

Kultur und Wirtschaft leben von der gleichen Luft. Beide brauchen das vitale Gefühl einer relativen Sicherheit für ihr Handeln. Beide brauchen positive Atmosphäre, Aufbruchstimmung, Perspektiven und Vertrauen in die politischen Kräfte. Wer sich dieser Verantwortung entwindet, macht sich schuldig an einem Verlust, der schwerlich wieder auszugleichen ist.

Eigentlich ist es allen klar: diese Stadt braucht endlich Antworten auf brennende Fragen, um die sich die Politiker aller Parteien ganz offensichtlich Tag für Tag herumdrücken. Was sind das für Fragen, die im Raum stehen?

1. Ist die Ernennung zur Kulturhauptstadt in aller Seriosität gewollt, oder versucht man mit der hochgehängten, großen Wurst nur die in die Ecke gedrängte Meute im Zaum zu halten?

2. Wenn ja, ist man sich dann darüber im Klaren, dass diese kleine Verschnaufpause letztlich den großen Preis einer anhaltenden Lethargie kostet?

3. Ist den Verantwortlichen bewusst, dass sich ein kreatives Klima in dieser Stadt nicht einfach nach außen hin behaupten lässt, sondern das dieses Klima hier und heute gelebt werden muss?

4. Macht man sich deutlich, dass kluge Entscheidungsträger über die Vergabe der Kulturhauptstadt einfach nur diese Tageszeitung aufmerksam lesen müssen, um sich ein Bild von der sozio-kulturellen Wirklichkeit in Bremen zu verschaffen?

5. Kann es sein, dass die Bremer Politiker keine eigenen, bitteren Entscheidungen fällen wollen, sondern versucht sind (die Hände in Unschuld waschend), dem Heller-Team diese Entscheidungen über Wohl und Wehe der regionalen Szene unterzuschieben?

6. Wissen die politischen Entscheidungsträger, dass es dem Heller-Team primär nicht um die regionale Szene gehen darf, weil es zu diesem Zeitpunkt nicht um die Realisierung der Kulturhauptstadt geht, sondern allein um die Ernennung?
7. Will man wirklich ein Potjemkinsches Dorf mit Glamour-Fassaden bauen, bei dem die Außenwirkung Bremens auf Kosten des inneren Friedens und der inneren Atmosphäre finanziert wird?

8. Und: Haben die spitzen Bleistifte in der Verwaltung wirklich ausgerechnet, was gesamtgesellschaftlich billiger kommt: die Produktion von frustrierten Arbeitslosen durch Stellenabbau oder die Finanzierung von Arbeitslosenunterstützung und Sozialhilfeempfängern?

9. Kann es ein Ziel ernsthaft geführter Politik sein, das kreative Potential dieser Stadt einzuschmelzen und dafür ein nachhaltiges Klima lähmender Enttäuschung zu verbreiten?

Wer die Ernennung zur Kulturhauptstadt anstrebt, der muss sich zwingend um die Einigung der kulturellen Kräfte in dieser Stadt bemühen, sonst ist alle Glaubwürdigkeit zur Disposition gestellt!


© www.MikeWeisser.de - 2003


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