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Strand:Gut – Bilder und Gedichte von Inge Buck und Michael Weisser
Die e-Mail-Korrespondenz zwischen Michael Weisser und Inge Buck
Januar bis Mai 2008
erschienen im Künstlerbuch "strand:GUT"
sujet-verlag Bremen 2009

Hallo Inge,

Nach unserem treffen habe ich mich in das thema „strand:gut“ eingefühlt.

Zwei aspekte empfinde ich als inspirativ: einmal das thema selbst, objekte der natur und der zivilisation angespült an strände, von zeit und kraft der wellen geschunden, über sand geschmirgelt... dann der aspekt einer zusammenarbeit von wort und bild.

Wo setzt der bezug von text und bild an? Sind bildinterpretationen beliebig individuell oder gibt es für den leser und betrachter in der gestaltung von bild/wort nachvollziehbare bestätigungen oder widersprüche?

Ich erinnere mich an ein sehr frühes experiment zwischen mir und herbert w. franke (physiker, höhlenforscher, autor und ein pionier der computergrafik). 1987 hatten wir auf einem der ersten personal-computer, dem „rainbow“ zusammen eine erzählung geschrieben. Vorlage war ein gedicht von mir, das gesprochen und eingebettet in eine elektronische musikomposition, das gerüst für die geschichte stellte.
Herbert begann mit dem ersten kapitel, schickte es mir auf diskette und ich arbeitete in seinen text hinein und schrieb weiter, dann bekam er die diskette und so ging es hin-und-her. Eine arbeit, die vertrauen und immer wieder disziplin und respekt forderte.
Das spannende an dieser herausforderung war der umstand, dass man mit dem textverarbeitungsprogramm alles verändern konnte bis in einzelne buchstaben und ziffern. Es entstand eine verschmelzung von gedanken und worten und klängen, die 1988 als erstes kassetten-buch in der phantastischen bibliothek von suhrkamp erschien. „Dea-Alba“ war der titel...

Wir stehen vor der entscheidung, eine beziehung zwischen bild und text zu versuchen. Meine bilder sollen dich zu gedichten inspirieren und "strand:gut"-gedichte von dir sollen mich bilder im archiv oder auf ganz neuen spaziergängen am strand finden lassen.

Welche bilder wähle ich aus meinem pool aus, den ich im verlauf der letzten zehn jahre an den stränden unserer nordseeinseln aufgenommen habe?
Und: Wie wirst du auf formen, farben, objekte, kompositionen oder sinnzusammenhänge in meinen fotos von strand-objekten reagieren?
Spannende fragen kommen auf – wie geht es bei dir?

Fragt Michael und grüsst dich!
Bremen, den 23. 1. 2008

Lieber Michael,

da sind Gedanken- und Gefühlsströme, die in Bewegung geraten sind. Ich weiß nicht, ob es tatsächlich notwendig ist, an einen realen Strand zu fahren „zur Inspiration“ oder ob die Simulation des Strandes in Text und Bild nicht die Welt transportiert, die wieder Bilder und Texte produziert.

Ich habe zwar beim Verkehrsamt in Juist angerufen – was schon eine Bewegung in Richtung Strand bedeutet - aber es gibt ja auch den „Strand in uns“, vielleicht muss beides zusammen kommen?

Du fragst, wie sich Inspiration vollzieht? Ich glaube, das ist nicht planbar, wohl aber steuerbar.
Der Augenblick, in dem Inspiration geschieht, ist nicht planbar, wohl aber das Material, das möglicherweise Inspiration auslösen könnte. Konjunktivisch! Mit anderen Worten: es kann aber auch gar nichts passieren!

Ausgangspunkt ist vermutlich eine augenblickliche Faszination und die Nachwirkung von Bildern. Was wirkt nach? Was mich in einem unplanbaren Augenblick berührt oder getroffen hat – ästhetisch oder thematisch. Oder wie Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht Herbstmanöver schreibt:... „trifft mich ein Splitter traumsatten Marmors / wo ich verwundbar bin, durch Schönheit, im Aug.“

Und wie vollzieht sich gegenseitige Inspiration? Das ist noch viel komplizierter. In jeden Fall gehört Mut dazu, subjektiv auf Bilder und Texte zu reagieren, sich dem Augenblick geradezu auszuliefern, zugleich aber zu reflektieren, zu formulieren, was geschieht. Also nach dem bekannten Muster von Nähe und Distanz.

Du fragst, was für mich Strand bedeutet? Auf keinen Fall Sommerurlaub und in der Sonne liegen, sondern Gehen unter einem Himmel, der sich verändert, unter einem Wind, dem ich ausgeliefert bin. Sammeln, was ich zufällig finde, was angespült ist, von Wasser und Wind verändert, Bizarres, Unscheinbares, Unbrauchbares, kann alles wieder weggeworfen werden. Übrigens fotografiere ich auch, manchmal sind das Notizen für meine Texte.

Auf Deine Bilder bin ich gespannt.

Aber wie wirst Du auf meine Texte reagieren?
Auf die Bilder in meinen Texten?

Schöne Grüße, Inge
24. Januar 2008

Hallo Inge,

danke für deine schnelle reaktion, die mich direkt anspricht und anregt, gedanken fortzuführen.

Wir haben viele erinnerungen über strand und meer gespeichert. In soweit ist der besuch vom STRAND nicht zwingend (!) notwendig, um ihn GUT zu finden.
Aber es könnte anregen, die erinnerungen zum rauschen bringen, die gefühle in wellen zu versetzen. Ich denke, mich führt es in nächster zeit aufgrund unseres dialoges ans meer!

Inspiration - um auf deine gedanken zu antworten, ist für mich auch nicht direkt planbar aber sie ist sehr deutlich zu stimulieren. Der duft und der geschmack von gewürzen regt mich an, kaffee, tee, auch mal eine zigarette... die stimmung von straßencafes, aber auch ein morgendliches bad im salz des toten meeres mit ätheterischem öl aromatisiert, der frische beginn eines tages, der duft von herbstlaub oder tang im watt. Selbstverständich inspiriert mich musik und ebenso gute gespräche, echte dialoge, fragestellungen eines/r fremden...

Das wechselspiel von nähe und distanz, manchmal ganz spontan gefühlt, manchmal gezielt inszeniert, ist auch für mich eine bewegung, ein strom von energie, aus dem ich ideen für gestaltung schöpfe, und da ich am meer geboren bin (etwa 50 meter vom deich entfernt in cuxhaven) ist das meer stets der ort für mehr geblieben.

Insoweit ist unser thema "Strand:Gut" ein ort für mich, an dem ich mich sehr wohl fühle, der mir vertraut ist, mit dem schwache erinnerungen und starke gefühle verbunden sind.

So, wie ich schon als kind am strand und später an den stränden gegenstände gefunden, aufgehoben, gefühlt, berochen und betrachtet habe, wir sie (in meinen taschen nach hause getragen) teile einer wachsenden sammlung wurden, ist die an-sammlung, der vergleich des einzelnen in der serie des ähnlichen immer ein thema für mich gewesen - bis heute. Auch die fotos, die ich gemacht (sprich gesammelt) habe, tragen als an-reger stets die abbilder von ähnlichem.

So sind auch die bilder vom strand mit dem gut, das sich dort finden lässt. Ich werde in den nächsten tagen mein archiv sichten und eine serie zusammenstellen, die du dir am besten an meinem rechner anschaust...

Ich grüsse dich!
Bremen, den 28. 1. 2008

Lieber Michael,

als ich zu Dir ins Atelier kam, fiel mir zuerst der angenehme Zimtgeruch auf, ich sagte Dir, dass ich Duftessenzen mag.

Du hattest schon einige Bilder aus Deiner Strandserie ausgedruckt, auf dem Tisch sah ich zuerst die Möwenbilder. Du hattest eines - vorläufig - meinem Gedicht Galionsfigur zugeordnet, ich bin fast erschrocken über die Möglichkeit, meinen Text so nah, so offen zu sehen. Der verletzte Körper der toten Möwe, die Farbigkeit im Inneren des Körpers, das genaue Hinsehen. Dominierend die Farbe rot, Blut am Schnabel, vor dem Hintergrund des Sandes.

Mir fiel die Struktur des Sandes in der Vergrößerung auf. Die Vielfarbigkeit der Sandkörner, unerwartet die Farben rot, schwarz, blau.

Dann sah ich andere Möwenbilder, eine junge Möwe, äußerlich ganz unverletzt, mit gebrochenem Flügel, vermutlich ist sie verdurstet, ihr Auge geöffnet. Das hat mich dann nachhaltig zu dem Gedicht Möwenherz inspiriert.

Am Rechner zeigtest Du mir eine Serie Deiner Fundstücke, Organisches und Anorganisches, Pflanzliches, Tierisches, Zivilisationsmüll.
Mir fiel ein, dass ich selbst viele Detail-Fotos gemacht hatte auf früheren Strandwanderungen, ich hatte ihnen aber keine Bedeutung mehr geschenkt, wie den Muscheln, die ich gesammelt, später dann aber wieder weggeworfen hatte.

Faszinierend fand ich die Aufmerksamkeit, die diesen Zufälligkeiten, den unbeachteten Dingen in Deinen Aufnahmen zukommt. Natürlich erhalten sie am Bildschirm mehr Leuchtkraft als auf dem Papier. Die Wahrnehmung der verlorenen Dinge wird sicher auch gesteigert durch den neutralen und zugleich belebten Hintergrund des Sandes und durch den Rahmen. Der Rahmen ist wichtig, er begrenzt den Ausschnitt.

Du fragtest mich, was mich mehr anspricht, Organisches oder Plastikmüll: ich finde, dass das nicht zu trennen ist, die Übergänge sind fließend, Algen, Rost, Schimmel, fressen sich langsam in alles Anorganische, der Zustand der Veränderung, der Verwesung ist überall. Schließlich spielt ja auch der Zeitfaktor eine Rolle, aber der ist auf den Bildern nicht direkt sichtbar, Bilder sind Zustandsmeldungen, Jetztaufnahmen, in denen aber eine Geschichte verborgen sein kann.

Herzliche Grüße, Inge
Bremen, den 7. 2. 2008

Hallo Inge,

mich beschäftigt die beziehung von bild und text, die in einem gedachten buch zusammengefasst sind. Dein gedicht "Kunstfiguren", das mich mit der letzten mail erreicht hat, ist ein sehr gutes beispiel für ein gedicht, zu dem es in meiner bildwelt noch keine passende (!) korrespondenz gibt. Du schreibst:
Aus ovalen Bilderrahmen
blicken ehrwürdige Seefahrer
geradeaus aufs Meer
unter dem Hemd
zieht der Stein um den Hals
in die Tiefe
atmend unter der Taucherglocke
bergen sie
vom Meeresboden
unversehrte Kunstfiguren

Um deutlich zu machen, wie ich arbeite und was in meiner auffassung "beziehung" ist, gehe ich so vor, dass ich zuerst die tragenden (bildhaften) worte betrachte. "ovale Bilderrahmen", "Stein", "Taucherglocke". Nichts davon erfasst das gedicht im kern seiner aussage. Allein die "unversehrte Kunstfigur" im singular wie im plural bietet mir einen ankerpunkt. Wenn ich irgendeine KUNST-FIGUR im sandstrand entdecke (nicht selber hingelegt!!), dann wäre dies das passende bild für dein gedicht. Ich habe gesucht und gefunden, keine kunstfigur im sinne von kunst, sondern eine figur im sinne von künstlich... eine kleine taucherglocke aus glas, die mit ihrem licht den blick anzieht... ein leuchtmittel.
Ich war übrigens am vergangenen freitag mit meiner frau an der ostsee in hohwacht - einem unverdorbenen, kleinen ort nahe von Lütjenburg mit sand-strand und flintstein-strand und natürlich dem knietiefen wasser mit schlickboden und muschelgräbern. Es wehten böen, die die hohen buchen und eichen an der steilküste in mächtiges rauschen versetzten und die kleinen seegelboote im hafen zum schlingern brachten. Eine intensive Stimmung am meer mit salztang-geruch und doch nicht die dünenverwehungen wie auf Juist, Amrum, Sylt oder Spiekeroog.

Was sind die kriterien für "beziehung". Nicht platt und direkt, aber doch fühlbar im bezug des einen zum anderen, das ist eine frage, die mich im moment beschäftigt. Ich habe jetzt 39 bilder für dich ausgedruckt, die ich dir gerne am 12. so gegen 17 uhr im theatro übergeben würde - passt es bei dir?
Dann bin ich sehr gespannt, wie du vorgehst; welche bilder spontane priorität bei dir gewinnen...

Es grüsst Dich bis dahin - Michael
Bremen, den 9.2. 2008

Lieber Michael,

die Schachtel mit den 39 Bildern ist jetzt bei mir. Es ist eine Sammlung von Schmuckstücken, alle durchnummeriert.
Heute habe ich damit angefangen, meine ersten Favoriten auszuwählen. Ganz oben liegt das Foto mit der schwarzen Feder, man weiß nicht, von welchem Vogel es stammen könnte, von einer Krähe, einem schwarzen Schwan, vielleicht von einem schwarzen Engel?
Dieses Bild war mir schon direkt bei Dir im Atelier aufgefallen, ich habe es jetzt vor mir liegen und es ohne Zögern meinem Gedicht "Wintervögel" zugeordnet.

Jetzt hier, mit der umfangreichen Sammlung Deiner Strandgut-Fotos, habe ich mich gefragt, warum ich mich auf dieses Projekt eingelassen habe.
Es ist ganz einfach: einerseits ist es eine Herausforderung für mich, mich auf fremde Bildwelten so zu beziehen, dass ich dazu eigene Text-Bilder produziere (oder schon Vorhandene zuordne). Andererseits sind Deine Bilder mir nicht fremd, sondern in nicht erklärbarer Weise vertraut, wenn auch überraschend neu.

In dieser, unserer Bild-Text-Korrespondenz entsteht ein Dialog darüber, was minimalistisch Vorgefundenes auslösen kann, welche Welt sich im Detail verbergen könnte, welche Geschichte dahinter steckt.

Zum anderen ist Dein Ordnungssystem dieser zufällig gefundenen, fragmentarischen Dinge eine Möglichkeit, meine eigenen Text-Bilder in einem anderen Licht zu sehen. Die einzelnen Bildtafeln sind für mich vergleichbar mit Musikstücken, Notenvorlagen, die ich mir erschließe, indem ich beginne, sie zu lesen, daran zu üben, um meinen eigenen Klang und Rhythmus zu entwickeln. Eine spannende Korrespondenz.

Es gefällt mir auch, dass das Bild-Text-Projekt in seiner thematischen Eingrenzung bzw. Begrenzung keine Beliebigkeit hat, sondern eine Stringenz und damit eine Dynamik entfaltet in der Abfolge der einzelnen Bilder oder Stationen.

Ich habe Dich noch nicht gefragt, wieso Du, lieber Michael, eigentlich auf die Idee gekommen bist, mich für diese Produktion anzusprechen? Ich bin neugierig, ich weiß es wirklich nicht, obwohl ich schon mitten drin stecke.

Mit den besten Grüßen, Inge
Bremen, 13. Februar, 2008

Hallo Inge,

... erst einmal freut es mich, dass Du mit meinen Bildern so unmittelbar etwas "anfangen" kannst, dass sie dich ansprechen, in dir assoziationen freisetzen, die Du in worte fasst und diese in mehreren schritten
konzentrierst zu einer poetischen figur.

Du sprichst den grund für unser zusammenkommen und unsere zusammenarbeit an. Bei dir ist es herausforderung. Bei mir ist es ebenso. Im umgekehrten fall ist mir auch deine arbeit (ich sehe gedichte immer als kondensat) nicht fremd. viele kurze texte von mir in den 60ern geschrieben, sind deinen wort-inseln sehr nahe. Die schlichtheit besticht. Vieles klingt einfach und malt sich erst nach dem verhallen zu einem pointillistischen bild.

Weshalb ich gerade dich angesprochen und dir diese idee eines zusammenwirkens vorgestellt habe, ist einfach gesagt: weil nach vielen lesungen von
bremer literaten gerade deine gedichte schön, eindrucksvoll, passend, anregend für mich sind.

Es hat mich angenehm überrascht, wie unmittelbar du interesse hattest, meine bilder zu sehen, dann in einen dialog zu treten und im wechsel der standpunkte die
ansichten freizulegen. insoweit lesen wir wechselseitig in den worten und bildern - das ist eigentlich der aus-tausch, nach dem kunst in seinen vielen formen so oft sucht.

Wenn du weiter in meinen bildvorlagen deine erinnerungen assoziierst und in worte fasst, wird es auch "überhänge", also worte ohne bilder, geben... zu denen kann ich dann die für mich passenden an-sichten in meinem fundus suchen und einbringen.

In diesem verfahren wird in den nächsten wochen, vielleicht monaten, ein austausch stattfinden und es wird eine sammlung entstehen. Wir werden diese sammlung betrachten und entscheiden, ob sie stark genug ist, um öffentlich vorgestellt, ausgestellt, gezeigt, gelesen und von einem publikum gefühlt oder gar diskutiert zu werden.

Wie kann man diesen wechsel von bild zu wort und von wort zu bild am besten vermitteln? Welches medium ist am besten geeignet? Das gedruckte buch? Der text als bild zum bild? Eine projektion? Die gedichte gelesen in einem raum von bildern? Darüber reden wir, wenn wir alles zusammen haben.

Sag mir doch, auf welche weise du deine gedichte erarbeitest?!

Es grüsst dich herzlich - Michael
Bremen, den 18.2.2008

Lieber Michael,

inzwischen ist einige Zeit vergangen, seit unserer letzten Korrespondenz, aber die Bilder vom Strand liegen weiterhin vor mir. Heute möchte ich Dir ein wenig über meine Arbeitsweise berichten, über die Schritte, mit denen ich mich den Fundstücken in meinen Texten annähere.

Zunächst habe ich eine vorläufige Auswahl aus der Bildreihe Strand-gut (oder strand:Gut?) getroffen, Aufnahmen, die mich farblich oder thematisch spontan angeregt haben. Das waren spontane Entscheidungen, die bei einer Überprüfung jedoch ziemlich stabil geblieben sind.

Von der Muschelserie hat mich die blauschwarze, halbgeöffnete Miesmuschel am meisten fasziniert, ein Bild, das bei mir die Assoziation Muschel + Perle ausgelöst hat, obwohl naturwissenschaftlich bekannt ist, dass Miesmuscheln keine Perlen bilden. Trotzdem habe ich an dem Bild festgehalten und mich auf die Suche nach der "Perle" begeben.

Dabei nahm die Geschichte ihren Weg über ein Sandkorn (Vielleicht war es ein Sandkorn/ das ins Fleisch/ gedrungen war) zu einem Austernfischer (vielleicht war es ein Austernfischer/ der die perlmutterne Schale/ gesprengt hat/ ) bis zur letzten Version:
Niemand/ wird erfahren/ wer die Schale/ gesprengt/ das Fleisch/ verzehrt/ von welcher Schönheit/ die Perle war. Immer ist es also eine Geschichte, die ein Geheimnis enthält, das nicht aufgelöst wird, komprimiert – kondensiert, wie Du schreibst – in einem Gedicht.

Eine Geschichte enthält auch der Text, der zu dem orangefarbenen Stoff- oder Netzteil entstanden ist. Hier war der Ausgangspunkt ein Sack Zwiebeln, der zunächst von den marokkanischen Feldern kam, die Geschichte einer Katastrophe mit einem verlassenen Boot, die schließlich ihr Ende findet in den Zeilen:
Zuletzt/ trieb noch/ vor der Küste/ in dem verlassenen Boot/ ein Sack Zwiebeln.

Eine andere Arbeitsweise kann auch darin bestehen, dass ich eigene Texte oder Texteile habe, die ich Bildern aus der Strand-Gut-Serie zuordnen kann. So fand ich eine überraschende Korrespondenz zu dem gelben Papierteil mit fragmentarischem Code mit den Zeilen:
Hier herrschen/ Ebbe und Flut/ hinterm Deich/ sammle ich/ Wörter.

Für heute mit vorfrühlingshaften Grüßen
am 1. April 2008
Inge

Hallo Inge,

ich habe mir unseren bisherigen gedankenaustausch im ganzen durchgelesen und mich dann noch einmal in die bildwelt "strand:gut" vertieft. Plötzlich kamen mir die bilder zu "einfach" vor.
Irgendwie schienen sie mir noch nicht auf den punkt des besonderen konzentriert und ich habe begonnen gestalterisch zu experimentieren.

Vielleicht hing diese spontane lust am eingriff in die bildanmutung zusammen mit allgemeinen gedanken, die ich mir seit einiger zeit im zusammenhang mit der frage stelle, inwieweit bilder von entscheidungsprozeduren geprägt sind.

Wenn man, wie ich, maßgeblich mit dem computer arbeitet, dann bewegt man sich ständig in der welt des berechneten, des konstruierten, des gewollten, das in viele arbeitsschritte zerlegt, vom rechner zeitschnell bearbeitet wird. Es ist eine mischung zwischen intuition und präsziser (algorithmischer) ausführung, der ich nachgegangen bin, bis ich eine serie von bildveränderungen zusammengestellt habe, an deren ende sich das fotografische abbild in besonderter weise verändert hat. Was immer in der semiotischen maschine (genannt computer) an eingabe, bearbeitung und ausgabe von zeichen auch vonstatten gegangen ist, ich empfinde diese möglichkeiten als sehr hilfreich und inspirierend, weil ich das bild unmittelbar verändern und das ergebnis direkt sehen kann.

Eine serie von bildverändernden handlungsanweisungen gebündelt und damit jedes bild der serie in gleicher weise berechnet, ergibt eine neue serie mit neuer anmutung, die meine intention von leichtigkeit, lichtheit, transparenz und damit relativierung des "realen" sehr gut im stande ist, wiederzugeben.

Übrigens habe ich begonnen, mit den bildern und den texten zu spielen, sie auf der doppelseite eines geplanten buches grafisch in einen bezug zu setzen.
Es ist ein ganz helles design geworden, ganz luftig, von gleißender strand-sonne durchstrahlt, bei dem das bild grafisch gerahmt zu einer taste wird, sich dann des rahmens befreit und horiziontal komprimiert in einem zweiten bild linienhaft zur landschaft wird (eine idee, die ich 1988 bei der gestaltung des kataloges für die ars electronica entdeckt habe)...

Es würde mich freuen, wenn dir diese gestaltung gefällt
Herzliche grüsse - Michael
Bremen, den 12.4.2008

Lieber Michael,

inzwischen ist die Textsammlung abgeschlossen. Es war ein seltsamer Prozess, ein Abenteuer vor der eigenen Haustür. Denn um die Texte schreiben zu können, musste ich mich einerseits von den realen Bildvorlagen entfernen, mich sozusagen auf etwas Nicht-Sichtbares beziehen, das sich hinter den Bildern verbergen könnte. Andererseits musste ich aber die Abbildungen der Fundstücke sehr genau in Augenschein nehmen.

Im Unterschied zu Dir, lieber Michael, bin ich nicht am Meer aufgewachsen sondern in einer hügeligen, wald-reichen Landschaft in Süddeutschland. Und so ist auch die norddeutsche Küste für mich immer ein exotisches Territorium geblieben, das es für mich zu erkunden und zu erforschen gilt.

Während der Produktion der Strandgut-Texte bin ich mehrere Male an die Küste gefahren, um Bildern und Worten auf die Spur zu kommen, um sie nicht nur arti-fiziell sondern sinnlich zu erfahren: was es z.B. auf sich hat mit Schiffstauen oder Tang, wie sich der Rhythmus des Wellenschlags anhört, wie sich die salzhaltige Luft auf der Haut anfühlt.
Ich habe aber auch zusätzliche Recherchen gemacht, etwa über die Geschichte der Flaschenpost oder über Pflanzen und Tiere, die zwischen Land und Meer leben.

Mit unserer Bild-Text-Komposition „Strand-Gut“ ist kein maritimes Buch entstanden.
Deine Gestaltung setzt Bild und Gedicht auf die Sichtseite des Buches. Am Titel, oben rechts, ist das Bild winzig als Punk gesetzt, neben oder über dem Gedicht zur Linie (zum Horizont) komprimiert und zwischen Punkt und Linie hast Du das Bild selbst (die Fläche) gesetzt. Nun fehlt nur noch die Öffnung des Raums, in dem Bild und Gedicht wirken - den kann sich jeder selber erschließen, indem er sein Strand-Gut findet.

Das weiße Licht, die Simulation von Schnee, Helligkeit und Leichtigkeit, die Du über die Aufnahmen gelegt hast, rückt die Wahrnehmung der Fundstücke in eine andere Dimension. Hier können die Texte ansetzen, die die optischen Elemente aufnehmen und weiter transformieren in eine Dimension, in der Zeit und Geschichte eine Rolle spielen und in der die verlorenen Dinge zu sprechen beginnen.

Herzlich, Inge
Bremen, 29. Mai 2008

© www.MikeWeisser.de - 2009


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