ZURÜCK


Auszüge aus dem e-Mail-Dialog zwischen
Imke Rust / Namibia und Michael Weisser / Bremen
vom 25. März 2005 bis zum 25. Februar 2006
- PDF

Lesung am 28. April 2006, 20 Uhr
zum Namibia-Event „...NAMIB>>“ im Atlantic-Hotel Airport Bremen
Auszüge aus dem Gesamtwerk 2005
Einführung Sabine Erlenwein, Leiterin des Goethe-Centre Namibia


Liebe Imke,

Nach unserer 14-tägigen Fahrt durch den hitzeflirrenden Norden Namibias mit den letzten Tagen in Swakopmund und Windhoek, sind wir nachts erschöpft auf dem Bremer Hauptbahnhof angekommen.

Es war eine eindrucksvolle Reise und wir haben eine Fülle von Erlebnissen gespeichert auf Bildern, Notizen, Fotokopien und Klangaufzeichnungen im Koffer.

Als Du uns zum Abschied gefragt hast, wie wir Namibia vom ersten Eindruck her empfunden haben, da fehlten Bernd und mir spontan die Worte. Wir waren noch zu sehr „mittendrin".

Nun, mit etwas Abstand betrachtet, habe ich versucht,
meine Eindrücke in einem Satz zusammenzufassen.

In einem Brief an den Schirmherrn unseres Hermann-Böse-Schul-Projektes „Bremen-meets-Namibia", habe ich dem Bürgermeister Dr. Henning Scherf geschrieben, Namibia sei für mich...

...„ein Land der grandiosen Weite, der lebendigen Natur,
der afrikanischen Geheimnisse, der extremen Kontraste,
der überraschenden Sauberkeit und der auffällig freundlichen Menschen."

Teilst Du diese Aussage eines Touristen aus Bremen?
Oder siehst Du Dein Land ganz anders?


Lieber Michael,

Es ist schon interessant zu versuchen, den Geist eines Landes in Worte, Bilder, Toene oder Konzepte zu packen.

Noch interessanter wird es, wenn man es von unterschiedlichen Standpunkten heraus tut. Was sieht ein Fremder, was beruehrt ihn, was hinterlaesst einen tieferen Eindruck?

Und: was sieht jemand, der mittendrin ist, der Teil ist von dem zu erfassenden „spirit"?

Als Besucher kommt man mit dem Hintergrund eines ganz fremden Lebens und man versucht fuer eine kurze Zeit, Teil einer anderen Welt zu sein. Man kommt mit Erwartungen, Hoffnungen, Wuenschen und einem „Fahrplan". Auch kommt man mit der Gewissheit, dass die Zeit in dieser anderen Welt beschraenkt und absehbar ist.

Als Einheimischer - ich bin in der fuenften Generation deutscher Missionare und Kaufleute - ist man einfach nur Teil dieser Welt. Man lebt sie, atmet sie, fuehlt sie und traeumt ihre Traeume.

Wenn diese zwei Welten nun aufeinanderstossen, ist das ein fruchtbarer Boden fuer Dialog, Austausch und oft auch fuer Missverstaendnisse und moegliche Konflikte.

Ich sehe solche Begegnungen eher positiv und glaube, am Ende ist jeder bereichert, versteht Dinge besser und hat einen tieferen Einblick in seine eigene und die andere Welt.

Aus dem Gesichtspunkt denke ich, dass unser kurzes, persoenliches Zusammentreffen in Windhoek auf jeden Fall ein Grundstein fuer einen spannenden und aufschlussreichen Dialog sein kann und ich freue mich, diesen Austausch ueber Email mit Dir weiterfuehren zu koennen.


Liebe Imke

Wir waren bei unserem Zusammentreffen in Windhoek leider immer etwas in Eile - das lag an mir, denn ich stand bei diesem Reise-Projekt unter erheblichem Erfolgsdruck. Ich hatte ein festgelegtes Programm. Es ging darum, die Verbindung des Hermann-Böse-Gymnasiums in Bremen mit der ehemaligen Kolonie Deutsch-SüdWestafrika herauszuarbeiten.

Und es ging weiterhin darum, innerhalb von 14 Tagen Bilder, Interviews, Dokumente und Klangaufzeichnungen für ein Archiv zu sammeln, das am HBG die Grundlage für einen fächerübergreifenden Unterricht bilden soll.
Dazu wollte ich noch persönliche Kontakte knüpfen, um die Grundlage für einen Austausch von Schule zu Schule herzustellen.

Die „kreative Offensive", an der ich ein Jahr lang arbeite, soll nicht zum 100 jährigen Jubiläumstag enden, sondern vom HBG fortgeführt werden.
Deshalb reichte es nicht, ein Kunstprojekt mit einer Ausstellung und einem Katalog zu erarbeiten. Mit einem Schüler-Redaktionsteam will ich Fragen entwickeln, diese an Fachleute in Bremen stellen und aus diesem Prozess eine Publikation gestalten. Das Ziel dieser Arbeit ist es, Anregungen für „Schule-Lernen-Leben" zu geben und deutlich zu machen, dass Leben identisch mit ständigem Lernen ist.

Im Moment bewegen mich viele Erinnerungen an unsere Fahrt. Was mir im Fall von Namibia immer wieder auffiel, war die Sauberkeit; es lag kein Müll herum. Dann sah ich die Weite der Landschaft mit den malerischen Bergketten, die wilden Wolken auf stahlblauem Himmel, die großen Vogelnester auf den Strommasten, die Termitenhügel rechts und links an der Straße. Verblüffend war die unglaubliche Einsamkeit auch auf den asphaltierten Straßen (die in Deutschland „Autobahnen" wären).
Es gab Strecken zwischen großen Orten, da sind wir innerhalb von 2 Stunden Fahrt nur einem Wagen begegnet.

In Windhoek und Swakopmund aber auch in Outjo und Okahandja fällt der deutsche Baustil ebenso ins Auge wie die vielen deutschen Beschriftungen an den Häusern und deutsche Straßennahmen.

Überrascht hat uns die Fülle der noch erhaltenen Denkmäler von Gefallenen der deutschen Schutztruppen. Ich hätte nicht gedacht, dass man den ehemaligen Kolonialherren nach der Apartheit noch so viel Präsenz lässt.

Was ist für Dich eigentlich besonders oder typisch an Namibia???


Lieber Mike

Mein Denken und Ausdruecken ist sehr in Englisch oder dem bunt-gemixten "Nam-lisch" gepraegt - das ist eine Mischung aus Deutsch, Englisch und Afrikaans, wo einfach nach Lust und Laune Woerter oder Teile davon aus den anderen Sprachen zusammengesetzt werden. Wenn es also hin und wieder für Dich etwas fremd klingt, was ich schreibe, dann liegt es daran.
Menschen, die Deutsch als Muttersprache haben, aber hier aufgewachsen sind, sind gezwungen, mindestens drei-sprachig zu leben. Das hat zwar seine Vorteile, aber fuehrt meistens doch dazu, dass man zwar alle Sprachen kann, aber in keiner richtig gut ist.

Ich glaube, ganz Namibia ist von vielen aehnlichen Verwirrungen und auch Gegensaetzen gepraegt. Das ist es, was unser Land zugleich so interessant und spannend macht, was aber auch schwierig zu begreifen ist fuer jemanden, der nicht von hier ist oder der nie hier war.

Und wir? Die Namibier? Ja, selbst wir fragen uns oft, wer wir den nun eigentlich sind, und ob man uns alle unter einen Hut stecken kann, und wenn ja, unter welchen?

Wir haben die traditionelle, afrikanische Kultur - und schon muss man genauer hinsehen: Es gibt 11 Bevoelkerungsgruppen in Namibia. Urspruenglich waren hier wohl die Koi-San, Nama und Damara ansaessig, spaeter sind die Hereros dazugezogen und noch viel spaeter, gar nicht lange vor den Europaern, kamen die Ovambos aus dem Norden.
Ausser den Ovambos, waren alle Normaden-Voelker, sind also dem Wasser und der Weide nachgezogen.

Da Namibia zum Grossteil aus Wuesten und Halbwuesten besteht, war dieses muehsam und es konnten sich nie allzu grosse Menschenmengen bilden, wie in Europa. Das Leben war ein staendiger Uberlebenskampf.

Dazu kommt, dass die verschiedenen Gruppen sich staendig gegenseitig
bekriegt haben.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Kolonialzeit noch lange nicht zu Ende ist. Europa ist Afrika bis heute ueberlegen.
Von neuem tastet man sich an Afrika heran, in der Hoffnung, hier einen neuen Markt fuer das eine oder andere Konsumprodukt der modernen Zivilisation zu erschliessen. Nur heute ist man mit Kamera, Notizblock, Entwicklungshilfe und Ritter-Sport bewaffnet - damals waren es Glasperlen, Alkohol, die Bibel und Waffen.

Ein Unterschied zu früher ist heute, dass Deutschland und die anderen sogenannten Erste-Welt-Laender, häufig aus einem Schuldgefuehl Afrika gegenueber getrieben werden.
Und wieder laesst Afrika es gerne mit sich geschehen, in einem seltsamen Gemisch aus Abhaengigkeit, Forderung und der Selbstverstaendlichkeit eines Teenagers, der seinen Eltern Taschengeld abverlangt, obwohl er schon selbst etwas verdienen koennte.

In Namibia wird viel zurueckgeschaut, die Geschichte wird wiedergekaut und zum Teil stillheimlich wieder vergraben. Es ist sicher wichtig fuer uns in Namibia, die Geschichte aufzuarbeiten, da in unserem "Fundament" so viele Dinge verborgen und verzerrt sind oder einfach nur einseitig betrachtet wurden.
Leider verlieren sich Menschen dann aber auch gerne in diesen Erinnerungen und finden schlecht den Weg zurueck zum Jetzt. Es ist sicher auch so, dass man gerne die Geschichte als Entschuldigung fuer sein Jetzt gebraucht, ohne Verantwortung dafuer zu uebernehmen, dass man auch selber hier und heute an sich arbeiten muss.

Fuer Namibia ist es sicher noch fuer eine lange Zeit wichtig, sich mit seiner Geschichte zu befassen, da es so viele einzelne Teile gibt, die noch nie zu einem Ganzen zusammengefuegt wurden.

Es gibt die Geschichte der Ovambo, der San, der Herero, der Deutschen, der Afrikaaner (die Buren) usw., aber es gibt auch noch die Kapitel der Missionare, der Kaufleute, der Regierung, der einzelnen Personen... all diese Dinge wurden meisst in Isolation betrachtet.

Seit langem beschaeftigt mich die Frage, was es bedeutet, weiss zu sein in Namibia, da man hier ja als weiss oder schwarz kategorisiert wird. Obwohl ich die 5te Generation im Lande bin, werde ich wegen meiner Hautfarbe doch nie richtig als Namibier angesehen. Die Einheimischen hier im Lande meinen, dass man als Weisser kein Afrikaner ist. Waehrend ich in Deutschland immer wieder enttaeuschte Blicke bekam, wenn ich jemandem vorgestellt wurde, der vorher nur wusste dass ich aus Afrika komme. Dann wurde gefragt: Warum bist du nicht schwarz?!

Weiss zu sein in Afrika, das ist ein Thema voller Probleme, ein Thema, das eng mit Woertern wie Schuld, Herrschaft, Apartheid, Sieger, Ausnutzen etc. verbunden ist. Aber wenige sehen diese andere Seite der Medaillie, die heute eigentlich die Oberhand hat.

Fuer mich ist dies ein besonderes Thema, wegen meiner persoenlichen Situation. Ich bin Nachfahre dieser Europaer die nach Afrika kamen. Dieses Denken, Fuehlen und Wissen steckt also noch tief verwurzelt in mir. Die europaeische Tradition und Denkensweise wurde, in typisch deutscher Praezision, weitergereicht an die Nachkommen. Auch bei mir.

Aber fuenf Generationen, die nie ein anderes Land gekannt haben, die immer nur diesen besonderen, afrikanischen Rhythmus gespuert haben, koennen auch nicht ganz immun bleiben. Somit ergibt sich fuer viele Weisse in Namibia ein Konflikt, denn wir haben etwas von beidem in uns. Unsere Seele spuert immer mehr den eigensinnigen, afrikanischen Puls. Unser Kopf aber denkt noch immer europaeisch.

Was bin ich nun? Nicht das eine und nicht das andere, ich habe von beiden etwas - was mache ich daraus? Und genauso wichtig ist:
was machen die anderen daraus? Die, die pur europaeisch oder pur afrikanisch sind?
Zuerst konzentriert man sich auf Aeusserlichkeiten - das ist am einfachsten. Da zaehlt die Hautfarbe, ganz unuebersehbar weiss. Typisch europaeisch. Dazu kommen dann noch hervorstechende Charaktereigenschaften, die auffallend deutsch sind. Aber dann gibt es da auch den Teil von mir, der ganz unverkennbar Afrika ist.

Afrika ist halt Afrika, und hier sind andere Dinge wichtig, hier fliessen andere Energien, hier gibt es andere „Naturgesetze".

Das europaeische Denken kann sich nicht so einfach mit Afrika vereinen, dafuer ist es nicht gemacht. Schon gar nicht ist es wirklich moeglich, dieses Denken auf Afrika zu uebertragen, denn so gerne Afrika den scheinbaren Erfolg imitieren und teilen und dem Staerkeren gefallen will, so sehr kann es sich aber auch irgendwo (ganz tief) nur mit seinem eigenen afrikanischen Wesen identifizieren. Das Herz klopft seinen ganz eigenen Rhythmus, das Blut fliesst mit seiner eigenen, unkontrollierbaren Kraft, der Geist tanzt zu einer anderen Musik.

Diese Dinge sind in uns Menschen verwurzelt, es ist ein Urwissen, das man nicht erklaeren und nicht sehen kann. Ein Urpuls. Und deswegen faellt es den verschiedenen Kulturen so schwer, auf einander zuzugehen und sich wirklich zu verstehen.


Liebe Imke

In den 14 Tagen, in denen wir als Touristen aus Bremen rund 3.500km durch das nördliche Namibia gefahren sind, konnten wir nur einen ganz kleinen Einblick nehmen in das, was das Land mit seinem Ursprung und seiner Geschichte ausmacht. Selbstverständlich sehen wir alles durch die Brille unserer westlichen Konsum-, Medien- und Informationswelt und dann noch jeder für sich durch die Brille seines ganz speziellen Interesses. Ich hätte liebend gerne mehr von jenem „African-Vibe" erfahren, den Du beschrieben hast.

Am intensivsten fühlte ich das Land Namibia auf einem hohen Felsen der Farm „Schönfeld", die von Nachfahren der Bremer Familie von Seydlitz geführt wird. Wir hatten ein überwältigendes 360 Grad-Panorama, sahen die untergehende Sonne und den aufgehenden Mond, standen unter einem perfekt gekrümmten Übergang von roter Sonne zum blauschwarzem Abendhimmel, waren umgeben von einer Ebene mit grandiosen Bergformationen und hörten aus der Ferne die Schreie einer fremden Tierwelt. Diese Stimmung enthielt eine merkwürdige Mischung von fremd und doch irgendwie vertraut, voller Begeisterung für die Schönheit der Natur und darin voller Sehnsucht. So müssen die deutschen Auswanderer empfunden haben; das war es, was sie an Afrika so sehr fasziniert hat.

Menschen, die aus dieser Natur kommen, müssen anders sein als wir, und eine simple Mischung der Kulturen kann es eigentlich nicht geben. Wäre so ein Anspruch denn überhaupt erstrebenswert? Reicht nicht eine friedliche Koexistenz mit gegenseitigem Respekt?

Den afrikanischen Puls auch nur zu ahnen ist uns kaum möglich; noch schwerer ist es, mit ihm zu leben. Diesen Puls zu erleben, ohne zu bewerten, abzuwerten, zu sanktionieren und in unserem Sinne zu ändern wäre eine echte Herausforderung.

Schwierig, und das ist Dein Alltag, werden für uns schon die kleinen Schnittpunkte eines gemeinsamen Handelns. Nach welchen Regeln kommt man zusammen, über welche Rituale nähert man sich an, welche Werte decken sich? Unsere Kriterien für Zuverlässigkeit, Präzision und Pünktlichkeit basieren auf dem westlichen Zeittakt (der viel schneller schlägt). Dazu handeln wir nach ganz anderen Werten. Wir sammeln, horten, sparen, planen im Voraus, optimieren ständig. Wir sind stets in Bewegung, auf der Suche nach Neuem, Ver-Wertbarem.
Das heißt: Wir begegnen dem Fremden nicht „neutral", sondern stets mit einem Verwertungs-Interesse. Wir sind zielgerichtet. Wir sind weitestgehend zu kalkulierbaren Größen geworden, und damit Teile unserer Konsumwelt.

Und diese Welt beginnt, auch bei euch in Namibia einzuziehen. Die örtliche Tankstelle ist bereits die voll funktionierende Basisstation für den Konsum, sie sind randvoll gefüllt mit bunten Verlockungen.

Und da sind wir beim Thema, das Du schon angeschnitten hast wenn Du sagst „ Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Kolonialzeit noch lange nicht zu Ende ist." Genau so habe ich es empfunden.
Es sind keine Armeen und keine Waffen, mit denen die Länder der Dritten und Vierten Welt eingenommen werden. Das ist nicht mehr notwendig, denn die Bodenschätze des Landes sind bereits an die Weltfirmen verteilt. Im 21. Jahrhundert geht es um die Resource Mensch als globaler Konsument!

Als ich mich zwischen endloser Natur und lachenden Menschen bewegte, fiel mein Blick immer wieder auf die Logos eurer neuen Eroberer. Sie sind bereits überall: in den Hauptstraßen eurer Städte (die haben sie fest besetzt), vor den Schulen (da schleichen sie sich ein), auf den Hinweisschildern zu den Gästefarmen (da locken sie mit Erfrischung) im Busch (da verweisen sie auf ihre Basislager), an den Tankstellen (das sind ihre Burgen!)... selbst in der einsamsten Wüste, wo es nichts mehr zu erobern gibt, lauern sie mit ihrer klebrigen Verlockung „It´s a real meal..."

Ich meine Coke&Co, die Kalorien-Bomber, die kühle Verführung in dörrender Hitze. Coke&Co - Coke ist das Wasser... und McDonald ist das Brot - sind die neuen Missionare. Sie versprechen nicht die Erlösung nach dem Tode, sondern den Genuss im Leben. Auftanken im Vorübergehen. Schnell wieder fit werden für den Arbeitsprozess, konsumieren... ob in Windhoeks Auffanglager Ombili, ob in der City oder fernab in Okakarara.

Ich habe hunderte Fotos von diesen Ikonen in Rot/Weiss gemacht... Variationen eines globalen LifeStyle... flirrende Bildsequenzen digital festgehalten als Werkserie für eine kommende Ausstellung...


Lieber Mike

Du fragst, wie ich Deutschland empfunden habe. Ich habe 1997 im Reisebetrieb gearbeitet und empfand dort eine ganz andere Atmosphäre als ich es von Namibia gewohnt war. Es war, als ob die menschliche und kameradschaftliche Ebene von dem Leistungsdruck total verdraengt wurde. Ploetzlich verstand ich, was die deutschen Besucher meinen, wenn sie sagen, dass die Leute in Namibia so freundlich und offen sind. Ob im Beruf oder im gesellschaftlichen Leben, alles ist in Deutschland geregelter, steifer und unflexibler. Natuerlich kann man es in einem so dicht bevoelkerten Land nicht umgehen.

Ich bin ueberzeugt, dass wir in Namibia verwoehnt sind mit unserem sonnigen Wetter und der kleinen Bevoelkerung auf grossem Raum.
Hier ist man einfach mit jedem auf „Du". Statt langer Vertraege, gibt es ein gegenseitiges Vertrauen. Im Gegensatz dazu empfand ich die Deutschen vom ersten Eindruck eher als kuehl, unfreundlich und etwas arrogant, wobei es natuerlich die ganz wunderbaren Ausnahmen gibt.
Jemand hat mal gesagt, dass dieser Unterschied daran liegt, dass man sich in Deutschland alles kaufen und man alle Probleme mit Geld loesen kann. In einem Land wie Namibia, ist man mehr auf die Menschen und auf die gegenseitige Hilfe angewiesen.

Mir wurde aber auch erst wirklich im Gegensatz zu Deutschland bewusst, was fuer ein gutes Leben wir eigentlich haben. Wieviel die Menschlichkeit mir hier doch wert ist, auch wenn nicht immer alles so am Schnuerchen laeuft, wie ich es mit meinem „deutschen Blut" doch gerne haette...

Seit meinem Deutschlandbesuch sind nun schon einige Jahre vergangen, eine Zeit, in der ich mich sehr veraendert habe und die ich durch meine Kunst einfach auch mit ganz anderen Augen sehe und viel bewusster in Frage stelle. Es waere unheimlich spannend, nun einmal wieder nach Deutschland zu kommen und es noch einmal zu erleben, mit einem offeneren und bewussteren Gemuetszustand.

Dieser Wunsch wurde bei mir staerker, seit ich mich mit meiner Familiengeschichte befasse. Obwohl ich in diesem Land geboren bin, und ich mich wirklich ganz und gar mit Namibia identifiziere, sind doch meine Vorfahren Deutsche, die vor mehr als 100 Jahren hierhin ausgewandert sind. Von diesen Leuten stamme ich ab.
Wer waren sie? Und warum haben sie sich damals dazu entschlossen, Deutschland zu verlassen und in ein unbekanntes, fremdes und unwirtliches Land mit seinen Gefahren zu ziehen?


Liebe Imke

Wenn ich mein tägliches Leben hier in Bremen vergleiche mit meinen Erlebnissen bei euch, zum Beispiel in einer kleinen „Village" am Waterberg, dann wir mir bewusst: wir leben in anderen Welten. Und für mich ist es sehr wichtig, so eine ganz andere Welt hin und wieder zu erleben, um die eigenen Kriterien neu zu prüfen zu schärfen.

Die Männer saßen zusammen, schwatzten, spielten mit Kronenkorken Mühle und tranken ein eigenes Gebräu, das hinter den Blechhütten gegoren wurde.

Die Frauen waren mit den Kindern zusammen, man lachte, unterhielt sich, spielte. Viele saßen am Straßenrand und kochten. Immer waren es Gruppen, kaum jemand saß irgendwo alleine. Auch an der Hauptstraße, die durch Okakarara führt, saßen Frauen in farbenprächtiger Hererotracht als Gruppen, kleine Kinder auf dem Arm und ich hatte immer den Eindruck, dass diese Kinder nicht zu einer Frau, sondern zur ganzen Gruppe gehörten, denn alle kümmerten sich liebevoll umeinander.

Im Inneren der Hütten gab kaum Gegenstände, es hing außer einem Spiegel und ein paar Fotos nichts an den Wänden, es gab keine Technik und in den meisten Fällen nicht einmal einen Stromanschluss.

In dieser Welt kann man nur auskommen, wenn man sich gegenseitig behilflich ist, wenn man sich ständig austauscht, wenn man teilt.

Ich will nicht im romantische Schwärmerei verfallen muss aber sagen, dass mir diese Ruhe und Natürlichkeit sehr angenehm aufgefallen ist. Mehrfach habe ich mir gesagt: eigentlich braucht man im Kern nicht vielmehr als gutes Wetter, etwas zu essen und trinken und Freunde.

Unsere Sozialisation mit ihrer ständigen Forderung nach „schneller" und „mehr" verschleißt diesen Planeten viel zu schnell. Wenig Bewegung erfordert wenig Energie, es gibt weniger Verschleiß, die Resourcen werden geschont. Aber niemand kann unser Rad zurückdrehen.

Die Frage, die mir immer wieder in den Sinn kam, war:
Braucht man bei euch wirklich keinen höheren Waren-Konsum oder kann man ihn sich nur nicht leisten?
Ist das Bedürfnis nach ständigem „mehr" typisch menschlich oder ist es an unsere europäischen Breitengrade und an Traditionen wie den Calvinismus gebunden. Die Wirkung des Klimas auf das Verhalten habe ich sehr deutlich gespürt. Unter der namibischen Sonne hatte kein inneres Bedürfnis mich übermäßig zu bewegen.
Lieber Mike

Ich glaube, das Konsumbeduerfniss ist doch am Ende bei uns allen gleich. Vielleicht liegt es daran, dass wir heutzutage all die Dinge, die uns wichtig sind, ueber die Konsumgueter bekommen. Oder es uns halt so einbilden.

Man meint, dass die Menschen im "Busch" vielleicht nicht so betroffen sind, aber nach 2 Jahren, die ich in Oshakati (ganz im Norden Namibias) gelebt und in denen ich mich eingehend mit den Menschen dort befasst habe, merkte ich, dass es ihnen genauso geht wie mir, die ich aus der Hauptstadt komme. Vielleicht spueren sie diese Unsicherheit noch viel mehr, da ihre Welt und Weltanschauung ja noch viel mehr und viel schneller revolutioniert wurde. Auch sie greifen dann nach dem viel versprechenden Strohhalm des Konsums, der ihnen so unwiderstehlich schmackhaft gemacht wird.

Wenn man mal genauer hinguckt, sieht man, dass in einer „village" von Lehmhuetten ploetzlich eine Satellitenschuessel herausragt. Der Fernseher wird per Generator angetrieben, und die Einwohner des Dorfes versammeln sich dann taeglich, um sich irgendwelche amerikanischen Soap-Operas anzusehen. Jeder, der es irgendwie aus dem heimatlichen Dorf in die Grossstadt schafft und dort etwas mehr Geld verdient, stattet sich auch sofort mit all den noetigen „gadgets" aus, die er sich leisten kann: an erster Stelle stehen da die Mobile-Phones, dann die Getto-Blaster, dann die Markenkleidung.

Vom Konsum mache ich jetzt den Sprung zur Kunst.
Du fragtest nach meinen künstlerischen "Memories"-Arbeiten.

Da versuche ich, die Kindheit meiner Mutter fuer mich persoenlich zu verarbeiten. Da die Familie von deutscher Abstammung war, wurde im zweiten Weltkrieg der Vater fuer sechs Jahre ins Internierungslager Andalusia, in Suedafrika eingewiesen. Er wurde abgeholt, als meine Mutter gerade erst 7 Wochen alt war, und er sah sie zum ersten Mal wieder, als sie sechs Jahre alt war. Von meiner Grossmutter habe ich viele Briefe, Bilder und auch Postkarten bekommen, die sie geschrieben hat. Ich bearbeite diese Dokumente digital.

Es formen sich im Verlauf dieser Arbeit meine eigenen Erinnerungen an die Erzaehlungen, die aus der Kindheit meiner Mutter stammen.
Dazu habe ich einen alten Duschvorhang von meiner Grossmutter, der mit seinem rot-gruenen Rosenmuster mich immer so sehr an sie erinnert und in mir ein Nostalgie-Gefühl ausloest.

Diesen Vorhang habe ich einige Zentimeter vor die Vergroesserungen der Fotos meiner Mutter gespannt, und so gibt es einen verschwommenen Eindruck von Erkennen und auch von Erahnen, der je nach dem Abstand, mit dem man das Bild betrachtet, klarer wird.

Weiter weg ist alles deutlich, naeher dran verschwimmt das Hintergrund-Bild total und man sieht nur noch die Rosenmuster. Ganz wie in der Erinnerung finde ich: Man erinnert sich gut aus der Distanz an das
„grosse Bild" aber bei den Details wird es unklar und vage, und man sieht dann gerne nur noch ganz banale Dinge, oder die Dinge, die man gerne sehen will - auch wenn sie vielleicht gar nicht wirklich so waren...

Das Ganze hat uebrigens viel mit Deinem Thema „Rauschen" zu tun, in dem ja eine Unschärfe von Sehen und Erinnerung liegt. Oder ?


Liebe Imke

Du hast nach der Bedeutung des „Rauschens" für mich und meine künstlerische Arbeit gefragt. Rauschen ist für mich sehr hintergründig das allgemeine „Versprechen", dass in Allem letztlich Bedeutung liegt bzw. dass wir in Allem Bedeutung sehen wollen. Vielleicht ist es der Drang, sich verknüpfen zu müssen, ständig das Verbindende zwischen dem Eigenen und dm Anderen zu suchen.

Rauschen ist in der Technik wie in der Natur zu finden. Seit jeher hat mich das Rauschen des Meeres, des Windes und des Feuers fasziniert.
Das Rauschen stimuliert die Fantasie, es lässt erinnern, es bringt auf Neues. Es fasziniert. Wir sehen das Flimmern und hören das Knistern und suchen darin sinnhaft immer wieder uns selbst. Rauschen ist die Bewegung von Korn und Staub, es ist Sand und Sturm in der Wüste.... insoweit ist Rauschen auch Namibia in sehr sinnlicher Weise.

Alle meine Bilder sind quadratisch. Die Quadrate setze ich als Raster zusammen und es entsteht ein rauschendes Feld. Nur wer sich annähert, erkennt das einzelne Bild und dessen Bedeutung. Wer sich entfernt, für den verschwimmt der Sinn im Flimmern...

Von verschiedenen Orten habe ich mir Sand mitgenommen. Aus der Namib-Wüste, von der Dune-Seven, vom Strand in Swakopmund, vom Waterberg, aus der Minenstadt Tsumeb und aus der trockenen Etosha-Pfanne. Irgendwann werden Sand und Bilder und Objekte zu einer Ausstellung in einem quadratischen, weissen Raum arrangiert.

In der Flimmer-Hitze der Wüste sehe ich die Höhenlinien auf den ehemals deutschen Generalstabskarten im Sand. Auch die Karte des Schlachtfeldes um den Waterberg. Eine Zeichnung, ohne Namen.

Die Höhenlinien (wie Wellns im Wüstensand) überziehen einen weissen Kubus 1x1x1 Meter im Format. Drei mal die gleiche Länge. Dreifaltigkeit. Linie, Fläche, Raum. Eine Matrix. Im Schnittpunkt des Rasters stehen einfache Gläser. Drei sind gefüllt mit Wasser gegen den Durst. Drei sind gefüllt mit Rotwein als dem Blut Christi. Drei sind gefüllt mit Coke als dem ewigen Versprechen nach Mehr.
Es ist der Sand der Wüste, der alle Flüssigkeiten gierig und wortlos trinkt... über dem Eingang steht der Titel: D.U.R.S.T.


Lieber Mike

Du fragtest einmal nach dem Essen. Namibia hat eigentlich keine
wirklich eigene Kueche.

Überhaupt: es gibt nicht viel, was Namibia wirklich sein eigen nennen kann, sei es Kultur, Kueche, Musik, Sport etc... das liegt sicher daran, dass wir so ein bunter Mix von vielen kleinen Kulturgruppen sind, ein Mix, der obendrein noch verhaeltnismaessig jung ist, so dass sich daraus noch nie etwas eigenes, mit dem alle sich identifizieren koennen, gepraegt hat.

Jede Gruppe hat da so ein bischen seine eigenen kleinen Gerichte, aber nichts wirklich Besonderes. Die Ovambos haben ihren gestampften Mahangobrei, den man nicht kauen darf, da er so viel Sand enthaelt. Die Bastards von Rehobot haben besondere Potjie-Gerichte (da wird alles Fleisch und Gemuese in einem Drei-Fuss-Topf aus Gusseisen gekocht) und essen gerne „Binnegoed" (Eingeweide). Die Hereros haben eine gesaeuerte Milch, die frueher in Kalabassen aufbewahrt wurde und davon auch ihre besondere Saeuerung bekam.

In Namibia ist Fleisch relativ einfach und billig zu bekommen, und hier essen alle gerne und viel Fleisch. Am liebsten „braaivleis", also Fleisch jeglicher Art auf dem Feuer gegrillt. Dazu gibt es auch noch „Biltong", das ist getrocknetes, rohes Fleisch, das gesalzen und stark gewuerzt ist. Das ist bei allen sehr beliebt und wird gern als „snack" gegessen.

Ach ja - und dann gibt es natuerlich noch die Termietenhuegel-Pilze, die nur an den Termitenbauten wachsen, mit ihren riesigen Schirmen, die bis zu 30 cm im Durchmesser werden können.


Liebe Imke

Ja - die großen, weißen Pilze sind mir noch gut in Erinnerung. Kinder haben sie am Strassenrand zum Verkauf winkend hochgehalten.
Aber wir konnten nicht erkennen, worum es sich handelt und erst der Inhaber unserer Pension „Falkennest" in Okahandja hat uns erklärt, was es mit diesen speziellen Pilzen auf sich hat.

Meine Assoziation: Pilz. Glückspilz! Vielleicht hast Du das Glück (das gehört immer dazu) tatsächlich das Bremen-Stipendum zu bekommen. Ich habe Deine Unterlagen zu einer Mappe zusammengestellt und an die Kuratorin weitergegeben. Vielleicht sehen wir uns in einigen Monaten in Bremen. Wenn das der Fall sein sollte, dann lade ich Dich gerne in mein geplantes Ausstellungsprojekt ein. Ich denke, unsere Arbeiten und Konzepte passen gut zusammen, weil sie sich ergänzen.

Mir schwebt eine Ausstellung vor, die nicht einfach eine Ansammlung von einzelnen Bildern ist, sondern die insgesamt als ein Ausdruck steht. Der Ort könnte das Medienzentrum in Bremen-Walle sein. Das Zentrum ist eine Ansammlung von Medienlaboren, die Schulen aber auch interessierten Bremern behilflich sind, Filme zu drehen und Klangproduktionen zu machen. Dazu gibt es hier den Bürgerkanal, das ist eine TV-Sendung im regionalen Fernsehen, dazu das Filmbüro und das kulturell engagierte Kino-46. Wie könnte unsere Ausstellung konzipiert sein?

Man betritt die Räume über ein Bistro. Ein langer Gang führt danach zu den Laboren und endet in einem Rondell mit einer Wendeltreppe, die in die zweite Etage führt. Du könntest Deine Serie „Memories" an die eine Seite des langen Ganges hängen. Gegenüberliegend Deine Serie „Power&Politics". Der Übergang von Deiner persönlichen Geschichte in das allgemeine Thema des Missbrauchs von Macht liegt im Rondell...

Meine Arbeiten, in denen ich Strukturen des Landes als „spirit" zeige, könnten an den Wänden des Bistros in das Thema einführen.
Ich denke an ein großes Bildfeld mit Varianten der Namib-Wüste, das in eine Sequenz aus zehn Ausschnitten von Coke-Displays eingeklinkt wird. Daneben ist ein Tableau aus 3x3 Motiven mit Ansichten von Menschen in Namibia. Gegenüberlegend hängt eine Nahaufnahme des in der Dürre gerissenen, grauen Etosha-Bodens und daneben ein Bildfeld aus Variationen dieses Ausschnittes. Ich zeige: Wüste-Menschen-Coke.

Soweit meine erste Idee. Lass uns abwarten, was wird.
Was beschäftigt Dich gerade?


Lieber Mike

Gerne erlaeutere ich Dir meine Idee zum "Camelthorn Code", so ist der Titel meiner Arbeit, mit der ich diesmal den ersten Preis der Namibia-Biennale gewonnen habe.
Der Kameldornbaum steht fuer viele als Sinnbild unseres Landes: ein schoener, knorriger Baum, der sehr alt wird, der in sehr trockenen Gegenden wachsen kann, dessen Holz das beste Feuerholz und sehr hart ist und dessen Schoten sehr naehrreich fuer Tiere sind. Das alte deutsche "Suedwester-Lied", beginnt: „So hart wie Kameldornholz ist unser Land...".
Fuer die Biennale wollte ich gerne etwas machen, womit man sich als Namibier identifizieren kann, also guckte ich mich um nach Materialien, die typisch fuer dieses Land sind.

Zum andern wollte ich gerne ein Kunstwerk machen, das positive Energie ausstrahlt, das eine „Celebration" des Lebens ist. Da sind Schoten ja ideal: sie verkoerpern das Leben. In ihnen ist die Saat gesammelt, die wieder viele neue Baeume wachsen lassen kann. Auch ist interessant, dass die Schoten erst von einem Tier gegessen werden muessen, so dass die Saat von der Saeure der Verdauung ihre harte Schale verliert und dann wieder in der Erde, zwischen dem ausgeschiedenen Dung wachsen kann.

Ausserdem faziniert mich die Idee von „abundance" (Fuelle). In einer Schote sind viele einzelne Saatkoerner, also kann eine Schote der Anfang fuer mehrere Baeume sein. Und meine 1001 Schoten koennen potentiell zu einem riesigen Wald werden. Wobei der Baum (oder der Wald) fuer mich wieder ein Sinnbild fuer generelle Moeglichkeiten ist, fuer Ideen. Wenn man sich so eine kleine, braune Saat anguckt, weiss man, dass daraus ein riesengrosser Baum wachsen kann. Dieser Baum fuehrt weiter, zu mehr Leben, er ernaehrt, er schuetzt, er gibt Schatten vor der brennenden Sonne, sein Holz gibt im Feuer Waerme.

Dieses Sinnbild ist fuer mich, vor allem in Namibia sehr wichtig. denn hier glauben nur wenige an „abundance", an Moeglichkeiten, an die wahnsinnige Kraft, die in einem kleinen Kern (als Idee) steckt. Nur wenn wir an unsere Ideen glauben, koennen sie zu Bäumen wachsen.

Um dieses Bild noch weiter zu fuehren und es dem Betrachter klarer zu machen, bzw ihn zum Denken anzuregen, ihn auf die 1001-fachen Moeglichkeiten aufmerksam zu machen, habe ich die einzelnen Schoten mit Woertern und Bildern (die Bausteine der Ideen) versehen.
Dabei handelt es sich um ganz willkuerlich ausgewaehlte Worte, Phrasen, Symbole, Muster und Bilder - einfach das, was mir gerade in den Kopf kam.

Diese Schoten mit den Worten und Bildern habe ich auf 40cm lange Metalldrähte geklebt und diese in einen weissen Holzklotz gesteckt. 1001 solcher Schoten sind auf dem Boden zu einer Spirale zusammengestellt, die sich auf dem Boden entfaltet.

Der Betrachter kann sich also um und in die Spirale hinein/bewegen, und wenn man sich etwas hinabbueckt, kann man die einzelnen Worte lesen und die Bilder sehen.

So schweift der Blick von einer Schote zur naechsten und es formt sich eine ganz individuelle Komposition von Anregungen. Es ist unser natuerlicher Trieb, der dann versucht, daraus einen Sinn zu machen, also wird das Gehirn dazu verleitet zu fragen: warum?
Oder: was koennte das Eine mit dem Anderen zu tun haben?
Haben sie ueberhaupt etwas miteinander zu tun?

Die Spiralform zieht den Betrachter in sich hinein zum Mittelpunkt und fuehrt dann wieder raus, wobei eine Spirale ja auch ein Symbol der Endlosigkeit ist, die immer weiterfuehrt, als Symbol des Lebens und Wachsens.


Liebe Imke

Gerne würde ich in Dein Objekt hineingehen, mich bücken und die Zeichen auf den Schoten lesen, nach Verbindungen suchen zwischen den Worten und den Bildern und meiner Welt.

Ich kann mir gut vorstellen, dass diese aufwendige Spiralform mit ihren vielen Details grossen Eindruck bei der Jury gemacht hat.
Eigentlich müsste diese Galaxie der Assoziationen im Foyer eines modernen Industriebaus wie ein „Garten der Inspirationen" installiert werden!


Lieber Mike !!

Wow, welch eine Ueberraschung!

Erstmal war es fast ungreifbar fuer mich. Einfach nicht real.
Deine kurze Mail-Gratulation sank dann mehr in mich ein, als ich offiziell Bescheid bekommen habe, dass es mit dem Stipendium der Bremer Bürgerschaft und der Heimstiftung tatsächlich geklappt hat.

Drei Monate lang kann ich demnächst zu euch kommen. Bremen wird für mich eine richtige Herausforderung sein!

Endlich kann ich sehen, was eure Kunstszene macht und ich freue mich schon sehr auf Deine Einladung zu unserer gemeinsame Ausstellung „NAMIB".

Ich bin sicher, dass Deine Anregung, für unseren deutsch-namibischen Kunst-Dialog das Goethe-Cente in Namibia als Schirmherrn zu gewinnen, bei der Leiterin des Zentrums gut ankommen wird.

So wie ich Dich verstanden habe, hast Du ja Deine Bilder alle schon zusammengestellt und bis im Moment bereits auf der Suche nach einer neuen Herausforderung...


Liebe Imke

Ich greife Dein letztes Stichwort „Herausforderung" auf. Zur Zeit beschäftigt mich ein Aspekt meines Langzeitthemas „bremen-AN-sichten" und zwar der Weser-Fluss, der durch unsere Stadt verläuft.
Die Weser ist die prägende Kraft für diese historische Stadt gewesen, denn Bremen war: Schifffahrt, Handel, Häfen, Werften.

Der Fluss hat Arbeit gegeben und inspiriert. Über ihn erreichten die Schiffe der Bremer Kaufleute die offene See als Zugang zum Welthandel. Durch den Fluss entstanden die Verbindungen der Stadt und ihrer Familien zu anderen Kontinenten. Auch der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz, der durch seinen Landkauf die Grundlage für Deutsch-Südwest geschaffen hat, kam über das Wasser nach Namibia.

Die Weser, das Wasser. Der Strom im Fluss.
Hier ist ein faszinierender, energetischer Ort. Eine eigene Lebenswelt.
Was ist der „spirit" des Flusses? Er ist im Fluss, in steter Bewegung, in einem stets dynamischen Zustand! Er ist Strom (in der Doppelbedeutung für den Fluss und auch für den elektrischen Strom als Energieträger).

Am Weser-Wehr (eine Staustufe mit Überlauf) ergibt sich ein Höhenunterschied, ein Potential. Hier sammelt sich statische Energie, die sich in Rauschen umsetzt. Gewaltige Kräfte entfalten sich. Myriaden von Blasen steigen auf, Verwirbelungen, Elemente mischen sich, Luft und Wasser, Strudel kreisen an der Oberfläche, Galaxien aus Schaum, Mikrokosmen bilden ein irdisches Weltall... voller Inspiration, voller Ideen... hier entfaltet sich Energie in ihrer schönsten Form...

Das Weser-Wehr ist Architektur, Schönheit und Funktion. Und dieses Wehr ist Staustufe und zugleich Brücke, sie verbindet die Ufer, ist Weg für Menschen. Wie nähere ich mich dieser Vielfalt von Formen, Farben und Funktionen an, was fotografiere ich, was wähle ich aus?

Und: Was zeige ich, wie zeige ich es und wo zeige ich es... eine Ausstellung von digitalen Bildern in den Wehrfeldern unter dem Fluss?

Kunst als Methode die Welt zu entdecken, als Anlass für den Künstler, sich zu bewegen, neue Sichtweisen zu erkunden, mit interessierten Menschen zusammenzukommen. Nach dem Thema namibische „Wüste“ freue ich mich nun auf das Bremer „Wasser“.

Wenn Du im Frühjahr Bremen bist, kann ich Dir diesen Ort gerne zeigen.
Ich bin sicher - Bremen wird Dir sehr gefallen!

© www.MikeWeisser.de - 2006


zurück zum Anfang