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Art Cologne 2001 – im Rausch der Messe

„The artpool of the world“ zu sein... diesen Titel beanspruchte der Slogan der diesjährigen „Art Cologne“ für die 35. „Internationale Messe für moderne Kunst“ in Köln, die vom 31.10. bis zum 4.11. in den historischen Messehallen in Köln-Deutz zelebriert wurde.

Ganz im Sinne der gerade bodenlos tief gefallenen „New Economy“ ist nicht etwa die Rede von nationaler oder internationaler Bedeutung – nein, heute muß es global sein, um weithin sichtbar die maximal mögliche Geltung für alle Wesen auf diesem Planeten abzustecken. Abgesteckt werden muß das Revier gegenüber der Konkurrenz, nämlich dem „Art Forum Berlin“, das als „internationale Messe für Gegenwartskunst“ bereits vom 3. bis 7. Oktober 2001 auf dem Messegelände Berlin stattfand und behauptet, sich „in seinen ersten fünf Jahren als eine der mutigsten und konsequentesten Messen im internationalen Kontext etabliert“ zu haben.

Wie immer der Wettstreit dieser beiden Initiativen im Detail geführt wird, es sind beides übereinstimmend Orte der Eitelkeit, der Macht und des Geldes, die mit ausgezeichneter Ware spekulieren, nämlich mit der Illusion von Wert.

In Köln sollen es 264 Galerien aus 18 Ländern gewesen sein, die rund 70.000 Besucher erwarteten, und was auf diese Besucher wartete nahm kein Blatt vor den Mund. Die Welt Am Sonntag vom 28. Oktober sagt in der Beilage Finanzen ganz ungeschminkt, worum es auf dieser Welt geht: 1. Seite: „Vorsicht an der Börse“, 2. Seite: „Sicherheit treibt die Kurse“, 3. Seite: Eurostock nach Branchen und 4. Seite: „Krisenfest & renditesicher““... hier, auf der 4. Seite ist nicht etwa die Rede von Gold, Optionsscheinen oder neuen Fonds, sondern hier ist die Rede von Kunst, wie sie auf der „Art Cologne“ mit Preisspannen von 1000 Mark für Unikate junger Kunst bishin zu zweistelligen Millionensummen angeboten wurde.

Von „atemberaubenden Preissteigerungen innerhalb eines Jahres“ bei den abstrakten Impressionisten aus den USA ist die Rede; von einer „rentablen Anlage“ bei den deutschen Superstars wird geschwärmt, daß die Augen tränen und man am Ende des Artikels Namen wie Warhol, Richter, Macke, Polke ebenso verschwommen als renditeträchtige Warenzeichen identifiziert wie Sony, Nokia, Coke oder Microsoft.

Während jedoch hinter den letzteren Logos selbst bei allen Schwankungen der Börse doch reale Werte stehen, schmilzt die Kunst zur Illusion, denn ihr Handel vollzieht sich nicht in der Öffentlichkeit, sondern in kleinen und kleinsten Zirkeln in konspirativer Absprache. Die bei Kunst angesetzten „Werte“ sind Behauptung, sind Aura, sind Imagefaktoren, sind Presseaufhänger und Teil von Abschreibungsmodellen eines Art-Claxx-Clans aus Galeristen, Museumsmännern, Presseleuten und letztlich auch aus Sammlern, die sich verirrt haben im weihrauchschweren Nebel einer von irdischen Propheten behaupteten Wertigkeit. Allein der Begriff „Messe“ mag zwischen Dom und Deutz die Frage aufkommen lassen, wann auch das Business heilig gesprochen wird.

Angesichts all dieser bunten Kojen, dieser flanierenden Arroganzen, dieser exaltierten Gesten... angesichts all der bedeutenden Blitzlichter, der wichtigen TV-Kameras, der von flirrender Luft glühenden Augen und vom der vom Champus geröteten Wangen keimt immer wieder zart die Frage auf, worum es hier denn eigentlich geht?!

Geht es um Ersatz für Kontoauszüge und Bezugsscheine, geht es um Lotterielose und Roulettekugeln, geht es um Signale für den Nachbarn oder um die passende Deko fürs Kaminzimmer....

Auf der Suche nach der Antwort stösst der verwirrt im Chaos der Kojen und Menschen und Kunstwerke irrende Besucher immer wieder auf seine ureigenen kleinen Erinnerungen an Galerien, Kunsthallen und Kabinette, die doch allesamt weder global, noch international, sondern ganz offen und ehrlich schlicht regional waren und die doch Momente der Begegnung und der Überraschung eröffneten, die sich durch eine erinnerungswürdige Intensität auszeichneten – während sich die Unterschiede zwischen der heutigen „Art Cologne“ und der vergangenen wie der künftigen erfahrungsgemäß derart verwischen, dass erinnerungswürdig als Messensyndrom in gleicher Weise und für alle nur die brennenden Augen, die getrockneten Schleimhäute und die wunden Füße bleiben.

Es sollen hier weder der Provinzialismus noch die Regionalromantik beschworen werden, weiss Gott nicht... aber im Rausch der Größe darf man den Minderheitenschutz nicht aus dem Auge verlieren und man sollte sich immer wieder fragen, worum geht es hier? Um Kunst? Um Ware? Um die Luft oder um den Ballon? Um Erkenntnis oder um Business, um Gefühl oder um Geschäft.... oder liegt die Wahrheit (die so gern bei allen Fragen auf der Strecke bleibt) nicht gerade in der Spannung der Polaritäten, in den Extremen?! Geht es nicht eher um flexible Orientierung in einem Zeit-Raum als um die starre Verteidigung einer betonierten Position?!

Orientierung erfordert eine Spannbreite der Qualität aber auch der Ästhetik und Vielfalt der Medien. Insoweit bot die „Art Cologne“ kein Spektrum des vergangenen 20. Jahrhunderts. Es dominierte die sichere Konvention. Keine Grenzüberschreitungen, kaum Provokation. Kein Risiko – ganz wie an der Börse, wobei wir wieder beim Thema wären...

In der 1. Etage der Messehallen, Treffpunkt Sektbar, wo Biene und Mausi sich mit Ausblick in die höheren Dimensionen menschlichen Seins am Prosecco erfrischen, genau dort, wo das schlarksige Unikat mit der endlos langen Krawatte (die sich als Stoffballen auf dem Boden wickelt) seine Adleraugen nach der Fernsehmeute schärft und lakonisch-routiniert den unachtsamen Nachbarn mahnt: „...jetzt fühle ich mich aber auf den Schlips getreten“, genau dort kann man im weissen Rauschen der Töne und Bilder langsam wieder Klarheit gewinnen. Ich hier, das Rauschen dort. Ich halte die Hand hinter die Ohrmuschel und höre, ich fokussiere den Blick und sehe:

Zum Beispiel: „In Flanders Fields“ eine Installation von Berlinde de Bruyckere mit fünf Pferdekadavern am Boden liegend und auf Stahlböcken in Augenhöhe, ausgeführt in Polyester und Originalfell aus dem Jahr 2000. Eine Arbeit, die mich ganz unvermittelt neben die großen Tier-Körper stellt, mich zum Ripper macht...

Zum Beispiel: Marie-Jo Lafontaine, die Frau der großen Blütenbilder, die mit der Installation „The Swing“ eine Videoinstallation aus dem Jahr 1999 zeigt. Über eine Stufe betritt man ein schwarzes Podest auf dem eine Gruppe von schwarzen Pfeilern mit Monitoren in Sichthöhe ein Mädchen auf der Schaukel zeigen. Slow Motion, windbewegt, monochrom, düster, bedrohlich, bedroht... bedrohe ich ?

Zum Beispiel: Judith Samen, im Förderprogramm junger Künstler in der Galerie Conrads aus Düsseldorf. Frauen als großformatige C-Prints, prägnant, klar, eingefrorene Bewegungen, inszenierte Szenen, suggestive snap-shots...

Zum Beispiel: Die polnische Künstlerin mit dem unaussprechlichen Namen Katarzyna Józefowicz mit der mehrteiligen Arbeit „Cities“ aus den Jahren 1989-1992. 17 Parts im Gesamtformat von 2,50 mal 1,70 mal 50. Es sind fragile Kästen mit kleinsten Skletten von Bauteilen aus Papier. Fensterrahmen, Türen, Zagen, Paravants, Treppen, Zäune... eine kompremierte Durchsichtigkeit im Puppenhausformat addiert sich auf zu einem großen Kasten mit normierten Bauteilen für Haus, für Stadt, für Leben...

Während man so herumirrt, den zerknitterten Lageplan in den Händen und die ständige Desorientierung vor sich, von Koje zu Koje Neues sieht und mit Vertrautem vergleicht, während Bewunderung aufkommt und man mit Verachtung straft, entsteht ein eigener Kosmos von Eindrücken. Und mittendrin in all dem Gefühl und Kalkül trifft man immer wieder auf bekannte Gesichter, die immer wieder die gleiche Frage stellen: „Na, hat es sich denn gelohnt“?

Das Meer ist weit
Fischer tauchen den ganzen Tag
Und freuen sich
Auch über nur eine kleine Perle


(Michael Weisser/Bremen)

Geschrieben für "UpArt"
Zeitung des Bremer Verbandes Bildender Künstler 4/2001 (ungekürzte Version)

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