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Michael Weisser - „ent-Z-errungen“
ScrenArt - vom 2. Mai bis 8. Mai 2005 zur
"Gedenkwoche zum 60. Jahrestag des Kriegsendes“
im DOM zu Bremen

Eröffnung der Veranstaltungswoche
Montag, den 2. Mai 2005 um 18 Uhr



Der Ort – seine Geschichte – seine Botschaft
Zur Monitor-Installation „entZerrung des Vergessens“
von Michael Weisser

Wir sind angekommen, in der Westkrypta des Bremer Doms.
Dem Ort, der uns aufnimmt, beherbergt, wieder auf den Weg bringt.
Ein geistlicher Ort mit langer Geschichte und prägender Wirkung.
In dieser Woche ein Ort besonderer Wahrnehmungen
anlässlich unseres Erinnerns an 60 Jahre Kriegsende.

Altes und Neues unmittelbar nebeneinander:
Das kupferne Taufbecken aus dem Jahr 1220
und eine Video-Installation unserer Zeit.
Erst auf den zweiten Blick wird deutlich,
was hier aufeinander prallt, sich begegnet, sich verbindet.

Hier wie da: WASSER.
Das Urelement des Lebens. Ohne das kein Leben wäre.
Wasser – seine schöpferische Fülle, seine Lebenskraft:
Den Durst löschen, die Felder tränken, den Schmutz abwaschen.
Wasser – erfrischend, reinigend, Leben bewahrend.

In der Taufe nun das Symbol für den neuen Anfang mit Gott:
Altes abwaschen, für Neues bereit sein.
Mit dem Geist des Lebens beschenkt werden.
Seit fast 8 Jahrhunderten auch hier an diesem Ort:
Aufgenommen werden in die Christus-Gemeinschaft.

Und dann dieses andere, Zerstörerische, Vernichtende:
Wasser, das von Bunkerwänden tropft, in denen Menschen geschunden werden.
Wasser als Medium für Geschosse, die Tod und Vernichtung bringen.
Abgefeuert unter Wasser, heimtückisch unbemerkt,
damit der Feind, der so genannte, versinkt, ertrinkt.

Gesichter, die uns filmisch nahe kommen, herausgelöst aus Propagandamaterial.
Der Mensch, der einzelne, wird sichtbar in seinem Leid, seiner Erniedrigung.
Das Menschenbild der Zwangsarbeit: Demütigung, Unterdrückung, Ausbeutung.
Und doch und gerade: Bilder vom Menschen, einzigartig und kostbar.
Der Einzelne rückt ins Blickfeld, gewinnt Gestalt, bleibt Geschöpf Gottes.

Wasser als Quelle des Lebens hier – als Instrument des Todes dort.
Menschenverachtung gegenüber Gotteskindschaft.
Wir heute erinnern uns, gedenken des Furchtbaren, das nie wieder sein soll.
Erinnern also für die Zukunft, damit Frieden möglich ist, wird, bleibt.
Suchen nach den Zeichen der Hoffnung, auch hier.

Die Löwenbezwinger, die das Taufbecken tragen: kraftvoll und doch gelassen:
Das Böse in der Welt anschauen, aber nicht hinnehmen, sondern überwinden.
Und die Stimme der Hoffnung, die leise erklingt, ein Gesang für das Leben:
André Migdal, der nicht Verstummte, nicht zur Strecke Gebrachte.
Sein Ruf zur Versöhnung über dem Leid: Leben sollt ihr, dürft ihr!

Darum die Lebensgeschichten, die Erinnerungen, die Tagebücher.
Und das heißt ja: Hinhören auf das, was der Einzelne erzählt.
Niemals vergessen, was der Krieg mit den Menschen macht.
Eben so dieses Bild gewinnen, in sich tragen und weitersagen:
DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR.

Christian Gotzen, St. Petri Domgemeinde Bremen



Über die Installation

12 Treppenstufen bis zu diesem geistlichen Ort hinabsteigen. Vor dem alten, mächtigen Taufbecken stehen bleiben. Das Becken ist mit frischem Wasser gefüllt, das im Verlauf der 7 Ausstellungstage verdunstet.

BILDER:
Zwischen den Säulen steht ein Cluster aus drei weißen Podesten. Auf diesen Podesten stehen drei Computermonitore, und am Boden daneben stehen drei Bürocomputer. Alltag in der Kirche.
Die drei Monitore zeigen drei Bildfolgen. Es sind Metamorphosen aus abstrakter Form, unscharfer Kontur, verrauschter Bedeutung – zunehmend klären sich die Verzerrungen auf und geben Gesichter frei. Es sind Beispiele, die stellvertretend für viele in Erinnerung rufen.
Ungezählte Menschen sind in der Zeit von 1943 bis 1945 als Zwangsarbeiter beim Bau des U-Boot-Bunkers in Bremen-Farge umgekommen. Ihr Leid tragen sie in ihren Gesichtern. Ihre Gesichter erscheinen aus der Verschleierung des Vergessens.
Sieben Tage lang. Eine Woche lang. Jeden Tag und jede Nacht.

WORTE:
Wer den Dom betritt, hört im Eingangsbereich ein leises Rauschen, ein Raunen, im Näherkommen liegt ein Wispern von Stimmen. Links, in der Westkrypta. Zwei Stimmen und eine Stille. Drei akustische Zustände. Gesprochene Worte: Französisch und deutsch im Wechsel. Ein Mann und eine Frau. Dazwischen Stille. Immer wieder. Endlos.
André Migdal, Häftlingsnummer 30.655 KZ-Neuengamme, ist einer der wenigen Zwangsarbeiter, der den Bau des U-Boot-Bunkers in Bremen-Farge überlebt hat. Er spricht, er mahnt das Vergessen an, er erinnert.

Und die Schauspielerin Gabriele Möller-Lukasz vom Bremer Theater, die in der Ruine jenes Bunkermolochs in der Kresnik-Inszenierung „Die letzten Tage der Menschheit“ die Kriegsreporterin „Schalek“ spielte.
Mann und Frau rezitieren die „Cantate pur la Vie“, mit der André Migdal sein gelebtes Grauen in Deutschland, in Bremen, im KZ, im Bunker von Farge verarbeitet. André Migdal spricht von Leid und Hoffnung. Darin lebt er auf seine Weise Erinnerung, Gefühle, Versöhnung.



Die DOM-Gemeinde Bremen informiert:

Szene 1:
Der Bremer Medienkünstler Michael Weisser hat sich zwei Jahre lang mit dem U-Boot-Bunker „Valentin“ in Bremen Farge auseinandergesetzt.
Mit dem Medium der digitalen Fotografie hat er diesen monströsen Bunkerbau aus den Jahren 1943-45 außen und innen erfasst.

Szene 2:
Ebenso hat er bei Proben, Premieren und Aufführungen des von Hans Kresnik im U-Boot-Bunker inszenierten Theaterstücks „Die letzten Tage der Menschheit“ fotografiert; hier ging es ihm um die Schauspieler, die Menschen, die mahnend die Erinnerung wachhalten.
Die Architektur und die Menschen darin sind zu einer beeindruckenden, bedrückenden Bildwelt verschmolzen.

Szene 3:
Auf der Suche nach den Menschen, die in der Hölle der Konzentrationslager in Bremen-Farge gelebt haben und die dem allgemeinen Grauen ein menschliches Gesicht des Leidens geben, stieß der Künstler auf historisches Bildmaterial, das er für seine Video-Installation in der Westkrypta bearbeitet hat.

Einer dieser Menschen war der französische Zwangsarbeiter Raymond Portefaix, der im Alter von 18 Jahren nach Farge deportiert wurde. Raymond Portefaix hat den Prozess der „Vernichtung durch Arbeit“ überlebt. Er schrieb 1947 seine Erinnerungen unter dem Titel „L´enfer que Dante n`avait pas prévu“ nieder.

Die Schauspielerin Annette Ziellenbach liest aus dem Tagebuch von Raymond Portefaix die Eintragungen zum Sonntag, den 24. Dezember 1944 über die systematische Vernichtung des Gefühls, Mensch zu sein.

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60 Jahre Kriegsende in Bremen
Gedenkwoche 2. – 8. Mai 2005
St. Petri Domgemeinde Bremen

Literarische Lesung zur Ausstellung „ent-Z-errungen“
Mittwoch, den 4. Mai 2005 um 20 Uhr
Es liest die Schauspielerin Annette Ziellenbach
aus dem Tagebuch des Zwangsarbeiters
Raymond Portefaix.

Was der Krieg mit den Menschen macht.
So lautet das Leitwort dieses literarischen Abends in den beiden Krypten des Bremer Doms. Seien Sie dazu herzlich willkommen, zunächst hier, in der Westkrypta und nachher, nach einem meditativen Übergang in west-östlicher Richtung, in der Ostkrypta.

Im Rahmen der Gedenkwoche zum 60. Jahrestag des Kriegsendes sollen heute Abend die Stimmen der Opfer zu Wort kommen. Also diejenigen, die ihre Erlebnisse und Erfahrungen, ihr Leid und ihre Qual nicht verschwiegen haben, sondern der Nachwelt mitteilen.

Nicht um große Literatur mit belletristischem Anspruch geht es heute Abend. Nicht um ausgewogene Deutungen geschweige denn Erklärungen, wo doch ohnehin vieles, vielleicht das Allermeiste, was der Krieg mit den Menschen gemacht hat, kaum wirklich zu erklären ist.

Vielmehr geht es um ganz persönliche Erfahrungen, die Menschen in Tagebuch-Notizen, Briefen, auf Kalenderblättern festgehalten haben: Tagesgeschehen, Tageserleben Einzelner – gleichwohl transparent hin auf das Ganze, im Spiegel dieser inzwischen vermeintlich so fernen Zeit.

Es sind Zeugnisse unmittelbarer, unreflektierter Wahrnehmungen, die gerade dadurch – durch ihre Unmittelbarkeit – so eindringlich, so authentisch auf uns wirken. Uns mitteilen, wozu Geschichtsbücher, Zeitungsartikel, Fernsehdokumentationen in dieser Weise niemals in der Lage wären.

Drei Daten von besonderem Gewicht, der 24. Dezember 1944, der 20. April und der 8. Mai 1945 strukturieren die Lesungen dieses Abends. Drei konkrete zeitgeschichtliche Bezüge und Anlässe, nun aber nicht mehr abstrakt-allgemein, sondern mit Namen versehen, mit dem unmittelbaren Bezug auf das einzelne Lebensschicksal.

Gerade so – vielleicht nur so – kann das geschehen, was 60 Jahre danach, wo die Zeitzeugen auszusterben beginnen, vielleicht immer wichtiger wird: nämlich die „entZerrung des Vergessens“.

Das ist der Titel der Video-Installation des Medien-Künstlers Michael Weisser, an der wir uns hier in der Westkrypta befinden. Natürlich nicht zufällig hier, am Ort der Taufe, mit dem gefüllten Bronzebecken von 1220, sondern weil dieser eigentümliche Kontrast gewollt ist, dieser Gegensatz von alt und neu: Wasser als Zeichen des Lebens hier, als Medium des Todes und der Vernichtung dort, im ehemaligen U-Boot-Bunker Farge, dessen Menschenbild, von Zwangsarbeit deformiert, hier sichtbar wird, entschlüsselt wird, um das Vergessen, das drohende, sorgsam zu entzerren.

Und hier, in diesem kontrast- wie beziehungsreichen Ambiente nun die Worte eines ehemaligen KZ-Häftlings und Zwangsarbeiters, gelesen von Annette Ziellenbach, Absolventin der Stuttgarter Schauspielschule, nach Engagements an den Häusern in Freiburg und Karlsruhe 6 Jahre hier in Bremen bei der Shakespeare-Company, seit drei Jahren freie Schauspielerin, heute Abend die Stimme von Raymond Portefaix, in seinen 1947 herausgegebenen Aufzeichnungen „L’enfer, que Dante n’avait pas prévu“.

Christian Gotzen, Domprediger in Bremen

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Das Tagebuch des ehemaligen Zwangsarbeiters Portefaix mit dem Originaltitel "Die Hölle, wie sie Dante nicht vorhergesagt hat" ist in deutscher Übersetzung erschienen in dem Buch:

Portefaix/Migdal/Touber
Hortensien in Farge - Überleben Im Bunker „Valentin“

Dieses Buch ist zu beziehen über den Buchhandel
oder direkt über den
Donat Verlag - Bremen