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Die Installation D.U.R.S.T. von Michael Weisser in der Krypta des Elefanten
Eröffnet am 11.8.2009 um 16 Uhr
Geöffnet 11.8. bis 15.8.2009 - täglich 11-16 Uhr
Schirmherr Senator Dr. Reinhard Loske
Begrüssung: Ralph Saxe (Vereinsvorstand)
Einführung: Frau Prof. Dr. Jutta Berninghausen (Konrektorin Hochschule Bremen)


Abb links: Prof. Dr. Jutta Berninghausen, Hochschule Bremen, Eröffnungsrede
Abb. rechts: Hon. Minister Prof. Peter Katjavivi und S.E. Botschafter Neville Gertze aus Namibia

Heute vor 105 Jahren, genau am 11. August 1904  wurde in Deutsch West-Afrika, im heutigen Namibia die Schlacht am Waterberg gegen die Stämme der Herero, Nama und Damara geführt. Der heute eingeweihte Namibia-Gedenk-Ort am Elefanten soll an diesen Völkermord, der „Deutschen Schutztruppen“ erinnern.

Der Künstler Michael Weisser hat zu diesem Anlass in der Krypta unter dem Elefanten eine Ausstellung entwickelt, die „allen Getöteten“ gewidmet wurde. Es ist ein eigenwilliges Arrangement von Objekten, Bildern, Musik, Licht und einem leichten Geruch von Weihrauch, das die etwas marode sakrale Atmosphäre dieses Raumes eindrucksvoll hervorhebt.

Deutschland hat zum Glück keine lange Kolonialgeschichte. Dafür war sie, zumindest im Beispiel von Namibia, besonders grausam und von „deutscher Gründlichkeit“ geprägt. 1883 erwarb der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz (daher auch der Bremen-Bezug) große Flächen Land im damaligen Südwest-Afrika von den dort lebenden Stämmen für ein bisschen Geld und ein paar hundert Gewehre.

Ein Jahr später bis zum Ende des 1. Weltkrieges wurde das Land offiziell unter deutschen Schutz gestellt und damit zur deutschen Kolonie. Um den Aufstand der Herero gegen die Kolonialherrschaft niederzuschlagen, verfasste der besonders grausame General von Trotha seinen Vernichtungs-Befehl, wo es u.a. hieß: „Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit und ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen. Dies sind meine Worte an das Volk der Herero.“

Ehrlichkeitshalber muss gesagt werden, dass die deutsche Reichsregierung diesen Befehl missbilligte und von Trotha zwang, diese Proklamation zurückzunehmen. Doch bis diese Informationen nach Deutschland und als Anweisung wieder zurück nach Namibia gelangten, waren Monate vergangen und das Unheil bereits angerichtet.

Fehler der Geschichte kann man nicht rückgängig machen aber man kann sich dafür einsetzten, dass Ausbeutung und Unterdrückung nicht wieder passieren. Es ist daher gut und wichtig, dass wir uns offiziell für den Völkermord bei den betroffenen Volksgruppen entschuldigt haben und dass das Reichs-Kolonial-Denkmal 1989 in ein Anti-Kolonial-Denkmal umgewidmet wurde.

Doch reicht das?
Der Künstler Michael Weisser macht mit seiner Installation deutlich,
dass es damit noch nicht genug ist.



Was erlebt der Besucher in dieser Installation?

Im sakral-anmutenden Raum liegt ein leichter Geruch von Weihrauch. Zentral sieht man ein Tafelbild, das sich aus 100 Ausschnitten von Coca-Cola-Werbungen aus Namibia zusammensetzt. Davor liegt der langgestreckte Altar, dessen Oberfläche eine Generalstabskarte bedeckt, in deren Mitte grafisch ein Schachbrett herausgearbeitet ist.

Auf den 64 Feldern stehen sich zwei Reihen von jeweils 8 Gläsern gegenüber. Eine Reihe Weinkelche, gefüllt mit Rotwein als dem Blut Christi, das durch die frühen Missionare nach Namibia gebracht wurde. Die andere Reihe sind Gläser, gefüllt mit Wasser, dem Getränk der Menschen vor Ort.

Die auf der Stirnseite des Altars herausgemeißelte Inschrift „unseren Toten“ hat der Künstler durch ein Spruchband mit den Worten „allen Getöteten“ ersetzt. Unterstützt wird dieses Totengedenken mit musikalischen Ausschnitten aus einem „Requiem für analoge Seelen“, das Michael Weisser im Jahr 1989 unter dem Titel „Heaven to Hell“ mit seiner elektronischen Musikformation „software“ produziert hat.

Auf den kleinen Steinsockeln, die aus den Wänden der 12-eckigen Krypta ragen, stehen Coca-Cola-Gläser, die mit Sand gefüllt sind, auf dem jeweils ein Grablicht leuchtet.

Die Symbolik dieser Installation erschließt sich dem Zuschauer auf Anhieb. Was man nicht ahnt ist, dass die Wassergläser tatsächlich mit Brunnenwasser aus dem Ort Okakarara am Waterberg gefüllt sind und der Sand wirklich von dem Ort des Schlachtfeldes am Waterberg stammt. Auch die Colagläser stammen aus Nambia. Michael Weisser war im Jahr 2005 dort und hat unter anderem in der Omahekewüste und am nahe gelegenen Waterberg fotografiert und Schallaufnahmen gemacht.

„Coca-Cola“ steht bei Michael Weisser für die neuen, lautlosen Eroberer, die als globale Markenartikel das Land einnehmen, ja es bereits eingenommen haben. Coca Cola steht als Symbol für die Werte der Industrienationen, für Wohlstand und Komfort, an dem auch die namibische Bevölkerung Teil haben will. Zugleich steht Cola auch als Symbol für die Ausbeutung des Landes durch global operierende Firmen, sowie für die wirtschaftliche Abhängigkeit des Landes.

Die Unabhängigkeit Namibias ist noch nicht 20 Jahre her. Heute leben dort noch ca. 20.000 Deutsche, die (für mich befremdlich) teilweise ihr Leben deutscher als die Deutschen in Deutschland führen.

Dagegen lebten meine afrikanischen Kollegen der „Universität Namibia“, die ich im Zusammenhang mit unserer Hochschulkooperation dort traf, nicht in Windhoek, sie lebten weiter in ihren alten Wohngebieten, den ehemaligen Townships außerhalb der Stadt. Sie alle waren in Windhoek auf die gleiche Schule gegangen, denn es gab damals nur eine Highschool für Afrikaner. Zum Studium mussten sie ins Ausland gehen. Was für sie dort den größten Kulturschock ausmachte, so erzählten sie, war nicht etwa die Kälte oder der Wohlstand im Westen, es war der Anblick von weißen Müllmännern, Putzfrauen und Bettlern. So etwas hatten sie bisher nie zuvor gesehen und für möglich gehalten. Das zeigt eindrücklich, in welcher Weise das wirtschaftliche und politische Machtgefälle zwischen den Kontinenten auch noch nach 100 Jahren existiert.

Die Installation von Michael Weisser trägt den kryptischen Titel „D.U.R.S.T.“ mit Punkten zwischen den Buchstaben gesetzt, wohl um deutlich zu machen, das mehr dahinter steht, als das, was man direkt ablesen kann. Er selbst sagt dazu: „Mein Titel D.U.R.S.T. drückt einen Zustand aus, den ich auf meiner langen Reise durch das faszinierende Namibia immer wieder spürte: Ich war ständig durstig, spürte einen ständigen Wissens-Durst und wurde immer wieder an die verdurstenden Opfer des deutschen Kolonialkriegs erinnert.“

Was seine Ausstellung ebenfalls ausdrückt ist:
Auch Coca Cola wird den Durst der Namibier nicht nachhaltig löschen können.



Der Elefant vor dem Hermann-Böse-Gymnasium hat schon viel mitgemacht.  Er war, zumindest in meiner Jugend, nicht nur der beliebteste Treffpunkt für romantische Rendezvous sondern spätestens seit dem Film „Ich bin ein Elefant Madame“ und über die Bremer Straßenbahndemonstrationen auch das Symbol der Schüler- und Studentenproteste.

Es freut mich daher besonders, dass „unser Elefant“ nun unter der Obhut des engagierten Vereins „ DerElefant!“ steht, dessen Gründung auf Michael Weisser und Ralph Saxe zurückgeht. Der Verein hat auch die Krypta renoviert, den heute eingeweihten Erinnerungs-Ort maßgeblich gefördert und ist Veranstalter dieser Kunst-Ausstellung.

Es passt zu der Geschichte des Elefanten, dass an diesem Ort künftig Beispiele für Vielfalt, Toleranz, Kreativität und Völkerverständigung gezeigt werden.

Lassen Sie sich von der eindrucksvollen Raumgestaltung der Krypta
mit der Installation „D.U.R.S.T.“ inspirieren.





DerElefant e.V. Bremen 2009


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