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“Der/Die/Das - DER Weg. DIE Sicht. DAS Sehnen"
Die Ästhetik von Reise und Abenteuer.

Dr. Christophe Fricker (Literaturwisssenschaftler, Autor)

Fangen wir mit dem an, der nicht auf den Fotos zu sehen ist, und mit einem Ort, der sich von den abgebildeten Gegenden so stark unterscheidet wie kaum ein anderer.

Beginnen wir also mit Michael Weisser selbst, dem in Bremen ansässigen, intermedial arbeitenden Künstler, und mit der ober-pfälzischen Stadt Regensburg, der ehemals Freien Reichsstadt, in der die Fürstenfamilie von Thurn und Taxis den Immerwährenden Reichstag ausrichtete. In Regensburg schoss Weisser sein bisher einziges Selbstporträt, und zwar während der Arbeit im Schloss der Fürstenfamilie. Er hatte Zutritt erhalten auch zu Bereichen der Schlossanlagen, die der Öffentlichkeit normalerweise verborgen sind, unter anderem zur Kapelle. Weisser staunte über diesen Gnadenerweis und machte eine Beweisaufnahme auf der Treppe zum Altar. „Das glaubt mir doch sonst kein Mensch, dass ich hier bin“, dieser Gedanke sei ihm damals durch den Kopf gegangen.

Allerdings hat Weisser den Film mit diesem einzigen Selbstporträt irgendwie verloren – obwohl er ein außergewöhnlich talentierter Archivar in eigener Sache ist. Das wurde deutlich, als sein Gesamtwerk 2008 durch das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) übernommen wurde. Damals stand er vor der Frage: Was gehört eigentlich zu diesem Werk, das hier gerade erworben wurde? Weisser beantwortete die Frage mit der ihm eigenen Konstruktivität, nämlich indem er etwas schuf: den Katalog seines Werks, eine komplexe Organisationswelt mit Strukturen, Zugriffsmöglichkeiten, Suchfeldern und Tags, Übersichten und Querverweisen, Werten und Preisen, in der die Ordnung des Werks selbst den Charakter eines gestalteten Werks annimmt (auch wenn Weisser seinen Katalog mit verblüffender Untertreibung einfach „dieses Viech“ nennt).

Wir, die wir mit Michael Weisser in dem Projekt „DER Weg. DIE Sicht. DAS Sehnen.“ auf die Reise durch den amerikanischen Nordwesten gehen, durch die Bundesstaaten, die man als Pacific Northwest und Mountain Northwest bezeichnet, werden ihm also nicht auf seinen Bildern begegnen, sondern allenfalls durch seine Bilder, durch die Art und Weise, wie das Werk uns den Weg zeigt, uns zum Sehen und zum Sichten einlädt und uns das Ungesehene als Sehnsuchtsobjekt andeutet.
Im Vordergrund steht die bildlich repräsentierte Natur, stehen besonders das Meer und die Berge. Mit dem Meer ist Michael Weisser lang vertraut.

Er stammt aus Cuxhaven, wuchs eine Deichesbreite von der Nordsee entfernt auf und wohnt seit langem in Bremen, das zwar vergleichsweise weit im Landesinnern liegt, aber ganz aus seinen Häfen lebte und noch immer auf einen Fluss schaut, der es dem Meer rasch nahebringt. Er genießt den ständigen Wechsel, die Bewegung, die Ruhelosigkeit des Wassers. Die „Schreie der Möwen und das Tuten der Schiffe“ gehören dazu und steigern die „Deutlichkeit“ des Meeres noch. Auf die Frage, wie er das Meer wahrnimmt, sagt er nach kurzem Überlegen, aber ohne zu zögern: „Es ist prägnant. Intensiv. Klar.“ Auf einer Malediven-Reise hat er die Grundtönigkeit, die das Meer auszeichnen kann, im Extrem erleben können. Blau – grün. Und die Fische dort besäßen dieselben klaren Farben: „Fische in RGB-Farben“, stellt er sachlich fest. Der Pazifik vor Washington State und Oregon ist nicht tropisch, aber Weissers erfahrener Fotografen-Blick sieht auch hier Farbskalen, Muster und Kontraste, und er hält sie auf seinen Fotografien fest.

Und die Berge? Sind sie das Gegenteil des Meeres? Träge, sogar statisch, langweilig? Keinesfalls. Auch in ihnen sind starke Kräfte am Werk, auch sie sehen je nach Lichtverhältnissen anders aus, auch sie laden den Betrachter ein, über sie hinauszudenken und zu schauen.

Zwischen diesen Landschaften war Weisser unterwegs. Er legte in seinem Jeep über 6000 Kilometer zurück und steuerte unter anderem den Chinook Pass und die Yakima Indian Reservation, den Lewis and Clark Trail State Park und den Yellowstone Park, das Craters of the Moon Monument und die Oregon Dunes, Mt. Rainier und das Mt. Saint Helens Monument, Cape Flattery und Lake Sutherland und schließlich Seattle an. Getankt wurde, so hält es das Bordbuch fest, unter anderem in Pasco und Kamiah, Bozeman und Idaho Falls, Hanna und Boise, Florence und Callam Bay. Unterwegs entstanden 2500 Aufnahmen, von denen 900 archiviert wurden, aus denen wiederum eine Auswahl für das Projekt „DER Weg. DIE Sicht. DAS Sehnen.“ erstellt wurde.

Der Mythos des Unterwegsseins gehört unlöslich zu Amerika, er hat Amerika eigentlich erst gemacht und unterhält es immer noch. Entdecker, Kolonisten, Beatniks, sie wurden getrieben von der Annahme, dass dort noch keiner war, wo sie gerade hingingen, und dass der Pulsschlag ihres Unterwegsseins das ist, was die Welt wirklich ausmacht, dass alles andere irgendwie nebensächlich ist und am Wegrand zurückbleiben darf.

Wer heute aus Europa aufbricht, zehrt von diesen Vorstellungen. Er will aus der Dichte und Enge eines alten, durchhistorisierten Kontinents ausbrechen, dessen vermeintlich immerwährender Reichstag längst endete, fast ein Jahrhundert, bevor Idaho überhaupt gegründet wurde. Er will in die Weite Oregons vordringen, das mehr als zweieinhalb mal so groß ist wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Er will aus dem norddeutschen Flachland in die Höhen Wyomings fahren, jenes Rocky-Mountain-Staates, dessen niedrigster Punkt auf derselben Höhe liegt wie der höchste Berg Niedersachsens. Der Kompass soll als Glücksrad dienen.

Die Vorstellungen, die wir uns von endlosen Weiten machen, stehen eigentlich im Widerspruch zu der Unbefangenheit, mit der viele in Deutschland „die Amerikaner“ über einen Kamm scheren. Dabei gibt es, wo man auch inneramerikanische Vergleiche anstellt, himmelweite Unterschiede. Während der Ortskern von Städten ab einer bestimmten Größe vor allem aus Friedhöfen und Parkplätzen und jenem internetlosen Zonenrandgebiet besteht, in das sich mit dem Verfall urbaner Kultur viele Zentren verwandelt haben, hat ein kleiner Ort wie Paw Hill den Charme einer Gemeinschaft, die zusammenhält. Der Besucher lässt sich auf einen Drink im Federal Pub auf Grove Street nieder und beobachtet an seiner eigenen Zufriedenheit, wie er die Atmosphäre immer bereitwilliger aufnimmt. Aus Eigentümlichkeit wird Eigentlichkeit. Nach und nach erschließt sich dem Reisenden, dass nicht nur Siedlungsformen und Landschaften vielfältig sind, sondern auch menschliche Geschichten. An der Bar sitzen Dan und Christine, schnell ergibt sich ein Gespräch. Beide wohnen seit zehn Jahren hier, stammen ursprünglich aus dem Mittleren Westen.

„Da waren wir, weil meine Eltern dachten, dass da die Wirtschaft brummt. Mein Vater war Apotheker“, sagt Christine. „Er hat von den Pharmafirmen immer Werbegeschenke bekommen. Mein erster Teddy war von Pfizer. Jetzt wohne ich hier, wo es richtige Bären gibt.“

Dan ist ebenfalls froh, nicht mehr in den endlosen Vorstädten zu wohnen. Ein bisschen sei der Umzug in den Westen wie eine Wiederentdeckung der Kindheit gewesen – nicht nur seiner eigenen, sondern der Kindheit ganzer amerikanischer Generationen: „Die meisten männlichen Amerikaner wissen, dass es höllisch stinkt, wenn man eine Pringles-Dose ins Feuer wirft“, schmunzelt er und erzählt mit wachsender Begeisterung von den Sommerlagern, auf die ihn seine Eltern schickten, als er zehn oder elf war. „Wir haben gelernt, was eine Lärche ist und was eine Kiefer ist und welche Pilze man essen kann und welche nicht. Und vor allem mussten wir irgendwie miteinander klarkommen, zusammenarbeiten, wirklich was tun, nicht nur an Tischen in der Schule sitzen. Da wird man erst richtig zu Freunden, man denkt plötzlich darüber nach, wie wir als Menschen zusammenleben. Das klingt großspurig, und als Zehnjähriger hätte ich das nicht so ausdrücken können, aber damals fing es an.“

Christine und Dan erfahren, wo das Wirken der Natur und das Planen des Menschen nicht zur Deckung kommen. Der Reisende, der den Blick zunächst auf die Karte richtet und dann aufmerksam aufschaut, vollzieht das nach: Als die europäischen Kolonisten natürliche Gegebenheiten erfassten und administrative und politische Grenzen absteckten, folgte ihr rationales Auge nicht immer den Linien, die Flüsse und Bergkuppen gezogen hatten. Sie definierten ein perfektes Rechteck von mehr als zwei Dritteln der Größe der Bundesrepublik Deutschland als den Bundesstaat Wyoming (dessen Bevölkerung heute derjenigen Bremens entspricht). Ein Staat in Form eines Fotos. Die Geometrie ist ein eindrucksvolles, extremes Symbol dafür, dass ein Neuling nie ein völlig unbefangenes Auge hat und immer schon etwas mitbringt – sei es eine Perspektive, sei es eine Begriffswelt.

Michael Weisser hält selbstbewusst an der erschließenden Kraft ordnender Prinzipien fest. Er ordnet seine Fotografien aus dem amerikanischen Nordwesten gemäß einfacher Kategorien. Dadurch kann er die dokumentarische Ambition, die die Bilder zitieren, aufnehmen und zugleich durch ihre ästhetischen Eigenschaften in Richtung auf einen eigenständigen künstlerischen Ausdruck überschreiten. Die Fotografien sind nicht der Nachklapp einer früheren und eigentlich wichtigeren Erfahrung, die nicht mehr einholbar ist. Fotografie verwandelt Gegebenheiten erst in Motive, macht Regelmäßigkeiten sichtbar und setzt Gegensätze in Szene. Das gilt besonders für einen der Kunstgriffe, die Michael Weisser gern einsetzt: Die Kombination mehrerer horizontal komprimierter Aufnahmen zu einem neuen quadratischen Bild erzeugt den Eindruck von Bewegung und wird zum Ausgangspunkt von Erfahrungen, die der Betrachter so noch gar nicht gemacht hatte und die den Erfahrungen des reisenden Fotografen doch ähnlich sind. Das Bild ist nicht nur Überbleibsel, sondern selbst wieder Ausgangspunkt.

Wer anordnen will, muss sammeln. Damit begann Michael Weisser schon in früher Kindheit. Er sammelte Krebse und Muscheln und hängte sie an Bindfäden auf. Als Student widmete er sich den Fliesen des Jugendstils und der Darstellung von Frauen auf frühen Werbeplakaten, zwei Gebieten, die er durch sein Sammeln mit zu erschließen half. Dass ihn die Alltagswelt und ihre Ästhetik ansprachen, bezeugt auch seine wachsende Sammlung von Coca-Cola-Werbung aus der ganzen Welt. Cola ist nicht gleich Cola, jedenfalls was die Verpackung angeht. Im Lauf der Jahrzehnte änderten sich die Größen und Formen der Flaschen, zum Beispiel in Abhängigkeit von Umwelt-, Gesundheits- und Sicherheitsbestimmungen; auf nationalen Märkten muss die jeweils vorherrschende Schrift zum Einsatz kommen (arabisch, japanisch, thailändisch, amharisch, georgisch und so weiter); Slogans unterliegen dem Wandel der Zeit. Jede der Flaschen auf Michael Weissers Regalen sieht anders aus, aber das Prinzip der traditionsreichen Weltmarke bleibt erkennbar. So verhält es sich auch mit den Landschaftsformationen, die im vorliegenden Projekt typisiert werden.

Das Sammeln ist eine genuin menschliche Tätigkeit. Zu ihm gehören zielgerichtetes Handeln, der Vergleich und die Bewertung, Kenntnis und Offenheit. Weisser muss, wenn er sich einem bestimmten Gebiet widmet, nicht „alles haben“, ihn interessiert das Exemplarische, die narrative Qualität der sinnvollen Anordnung.

In Michael Weissers Bremer Atelier wird diese Ordnung ins Werk gesetzt. Der Ort selbst ist Ordnung: lange Schreibtische mit sorgfältig ausgerichteten Bücher- und Materialstapeln, Pinnwände mit thematisch gruppierten Fotos, Briefen, Zeitungsausschnitten, leserlich beschriftete und nummerierte Leitz-Ordner, Sammlungen von Parfümfläschchen und wie als affirmative Ausnahmen von der Regel einige sprechende Einzelstücke wie der Tennisball von einem Match mit Boris Becker und Carl-Uwe Steeb. Hier ist ein bildender Künstler zugange, der alles vor sich sieht, Rohstoffe und Endprodukte. Neue Werke entstehen aus der Verknüpfung des Bestehenden mit dem Hinzukommenden.
Was für eine Sicht der Welt kommt hier zustande?

Das Atelier befindet sich im Erdgeschoss, eine Tür führt in den Garten, über dem wichtigsten Schreibtisch befinden sich Fenster. Aber die Jalousien sind heruntergelassen. Das Atelier ist der Ort der Konzeption und der digitalen Arbeit. Weisser fotografiert hier nicht, schon gar nicht seine unmittelbare Umgebung. „Stell dir doch mal vor, ich will ein Foto von den Häusern machen, und dann stehen da all diese Autos. Oder es kommt ein Mensch an, der nicht in die Komposition passt. Bei denen weiß man sowieso nie, was sie als nächstes machen.“

Hier im Atelier befindet sich ein Umschlagpunkt im Arbeitsprozess, der geprägt ist von der Sehnsucht nach Selbstbestimmung. Auch die Fotografien aus dem Nordwesten bezeugen Weissers Glauben daran, dass der menschliche Blick die Welt durchdringen und verstehen kann, dass er ihr nicht einfach ausgeliefert ist. Der Mensch als Entdecker kommt im Sammeln zu sich, im Ordnen emanzipiert er sich gegenüber seiner Mitwelt, in der künstlerischen Gestaltung und der Aufforderung zum Wahrnehmen erneuert er seine Verbindung mit ihr.

Das Bremer Atelier ist der Ort, an dem Michael Weissers Werk in den letzten Jahren immer höhere Komplexitätsgrade erreicht hatte: Er hatte mit dem erzählenden Text begonnen und war über den vertonten, klanglich situierten Text und den bewegten, örtlich eingebetteten Text bis hin zum skulptural angeordneten Text-Bild-Programm vorangeschritten. Das Projekt „DER Weg. DIE Sicht. DAS Sehnen.“ geht aus Weissers besonderer künstlerischer Leidenschaft, der Fotografie, hervor und durch die digitale Modifikation und die systematische Komposition über sie hinaus. Die Werke stehen zugleich in einem aktuellen zivilisatorischen und in einem klassischen systematischen Kontext. Aus der Spannung zwischen avantgardistischer Technologie und nostalgischer Kategorialität ergibt sich die Einladung an den Beschauer, genau hinzuschauen und gut nachzudenken.



2013 - www.MikeWeisser.de


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