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Isabelle Azoulay - all:about:sehnsucht -

Je mehr der Mensch sich zügeln muss, je mehr gefordert ist, dass er zu beherrschen habe das Leben, zu verstecken seine Gefühle, je mehr seine Gelassenheit in Härte sich äußern muss, desto mehr erscheint ihm der Rausch als bedrohlich und anziehend zugleich.

Wir sind getrimmt darauf, uns zu beherrschen, und in dieser Bedrängnis ist der Sog zum Rausch, sei es als Möglichkeit, gesichert. Wie ein Magnet zieht er uns an, und wir wünschten, wir wären mutiger, unvernünftiger. Wir leben mit dieser Verlockung und dosieren sie, so gut wir wollen, wahrscheinlich aber nur so gut wir können. Je unbeherrschter unsere Träume, desto eindeutiger nehmen dort unsere Verschmelzungswünsche Gestalt an. Der Rausch hat eine ich-sprengende Kraft. Er vereinigt und weitet, während die Nüchternheit trennt und verengt. In einer Art Trunkenheit, einem Vergehen der Sinne, einer Auflösung des Bewusstseins ins Ungewisse, gleiten wir dahin, sind beim Erwachen erlöst und gerettet, es war nur ein Traum. Etwas in uns will uns loswerden, uns selbst aus dem Verkehr ziehen, und es gelingt nie. Kein Delirium kann uns von der Bildfläche löschen. Bei jeder Ernüchterung stellen wir fest, wir sind mit unserem Verstand verantwortlich und in unserem Körper gefangen.

Wir suchen den Riss zwischen uns und der Welt, diese merkwürdige Stelle, die wir versuchen zu schließen. In unserem Sog zum Rausch beschleunigen wir diese stetige Suche nach einem verschmelzenden Übergang - vergeblich. Wir suchen Trost, und mit dem Balsam unserer Träume schleifen wir ohne Unterlass die scharfen Kanten unserer Schmerzen ab. Die gärenden Apfelstücke Friedrich Schillers in der Schublade seines Arbeitstisches mögen exemplarisch dafür sein; die Suche nach dem anderen Zustand so vertraut.
Odysseus wappnete sich gegen den Gesang der Sirenen, indem er sich an den Segelmast seines Schiffes festbinden ließ. Seinen Ruderern ließ er die Ohren mit geschmolzenem Wachs verschließen. Außer Hörweite verlor der Zauber seine Wirkung.

Alle Vernunftvertreter profitieren womöglich von unserem Sog zum Rausch. Rege reicht man sich Wachs weiter. Und dennoch, im Sirenengesang von Ersatz und Ablenkung gelingt die Milderung nur scheinbar. Der Atheismus, der uns die letzte Hoffnung raubte, schaffte neue Rahmenbedingungen für das schutzlose Dasein. Marquis de Sade hatte sich einst erstaunlich angstfrei dieser Loslösung von einem Schutz Gottes gestellt. Die Radikalität, mit der er die Idee von Gott und dessen vermeintlichen Auffangnetzen über Bord wirft, befreit den Menschen von seiner Schutzhülle und wirft ihn in eine eisige Kälte ganz spezifischer Schmerzen, denen sich alle anderen Aufklärer nicht so konsequent ausgesetzt haben wie er. In diesem Punkt ist Sade der Figur des Don Giovanni von Mozart ganz nahe: sich nicht beugen, bis zuletzt Gott die Stirn bieten.

Und während die Flammen der Hölle uns schlucken, müssen wir der eigenen Angst stets trotzen und nicht aus den Augen verlieren, dass die Autorität der Kirche uns letztendlich im Schwitzkasten hält und unmündig macht. Also drängt der Librettist Lorenzo da Ponte Don Giovanni in die Flammen und läßt ihn bis zum Äußersten "Viva la libertà" singen, lässt ihn die Stimme des Komturs, der an die Tür klopft, überhören. Die Drohung der Hölle wird unseren Verstand nicht korrumpieren. Es bleibt dabei! Und die Diener der Kirche dürfen weiter verzweifeln. Mozart komponierte und inszenierte den Stoff von da Ponte in der Zeit, in der de Sade "Die Hundertzwanzig Tage von Sodom" schrieb. Dort werden wir mit einer beispiellosen Unnachgiebigkeit mit dem blanken Begehren konfrontiert, in der Abgeschiedenheit von Schloss Silling, ohne Fluchtweg.
Aus unserer heute vermeintlich tabulosen Zeit gesehen, behält diese nahezu unlesbare Schrift noch immer bedrängenden Charakter. In seiner wahnhaften, wenn auch wahnwitzigen Konsequenz bedrängt uns de Sade nach wie vor. Im "Alles ist möglich" sind wir überfordert. Bis heute. Vielleicht hat sich sogar sehr wenig geändert. Es geht abermals um den von de Sade getroffenen wunden Punkt in uns. Die Auffangnetze abschaffen.

Der große Schoß der Kirche, sowohl als Refugium wie als Dachverband für Strenge und sadistisch gefärbte Abhängigkeitsverhältnisse, fällt weg. Die steile Treppe unserer Befreiung hat kein Geländer. Wenn wir nur noch die Augen schließen, verlieren wir das Gleichgewicht. Des Gesäusels von Barmherzigkeit sich endgültig zu entledigen – das war der klare Schnitt, den de Sade ausmalte. Er ließ nichts aus, keine Nische übrig, die Kirche wurde konsequent als eine in ein Wertesystem getarnte Anstalt für Heuchelei und Brutalität entlarvt. Die Moral Sades, wie es unter anderem schon Blanchot schrieb, gründet sich auf die Ur-Tatsache der absoluten Einsamkeit. Sade hat es ausgesprochen, in allen Formen dekliniert und wiederholt. Die Natur lässt uns allein geboren werden, es gibt keinerlei Bindung zwischen einem Menschen und einem anderen. Und Georges Bataille fügte folgerichtig hinzu, die Tragik der de Sadeschen Einsamkeit sei das Ergebnis der "Offenbarung der Wahrheit der absoluten Negation". Der Humor, den Sade sich dabei noch leistete, tradiert aber das Wichtigste: Humanität, seine und unsere Fragilität, unsere Kindlichkeit. Das Individuum entkommt erstmals dem allgemein herrschenden Joch von Willkür und Unterdrückung. Der klare Strich, den Sade somit zog, läutete das Ende der Heuchelei ein. Die Aufklärung hat ihren Namen verdient. Wir müssen nicht mehr glauben, dass wahre Befriedigung im Bösen zu finden ist. Immerhin.

Aber was stellen wir fest? Das Problem bleibt bestehen. Haben wir uns der Moral entledigt, verspüren wir, nichts ist gelöst! Bedrängt oder offenherzig - es bleibt die schmerzliche Evidenz im Raum: Die ersehnte Vereinigung ist eine Illusion. Georges Bataille, der gewissermaßen den Stab von Sade übernimmt, bleibt genau bei dieser Erkenntnis stehen und überschüttet uns mit den Tränen des Eros seiner ganzen Verzweiflung über diese Enttäuschung. Wütend wird er uns ohne Unterlass mit dem Schlamm von Überschreitungen bewerfen. Batailles "schmutzige" Phantasien ziehen ihre Kraft nicht aus der bloßen Negation eines etablierten Wertesystems, sondern aus einer unaufhebbaren Spannung zwischen einander entgegengesetzten und aufeinander bezogenen Positionen, die Bataille als den Grundantagonismus zwischen "Heterogenem" und "Homogenem", zwischen "Sakralem" und "Profanem" entfaltet. In seinen "obszönen" Werken geht es Bataille darum, auf schockhafte Weise darzustellen, was den Prinzipien und Idealen einer homogenen Gesellschaft widerspricht.

Es ist die Kunst, die poetische Imagination, die einen Ausweg aus dem homogenen System zeigt: Sie will vor allem Unruhe und Unordnung stiften in einer Welt, in der Ruhe und Ordnung eine zweifelhafte Harmonie begründen. Vollends verstößt die Kunst gegen die idealistischen Bestimmungen des Ästhetischen, für das die bildhafte Darstellung des Erotischen bis jüngst ein Sakrileg war. Deshalb sind Batailles Ästhetik und Anliegen darauf aus, blasphemisch uns anzustacheln und mit Exzessen zu martern. "Dies ist ein trauriger Eros", schreibt die Bataille-Übersetzerin Marion Luckow im Nachwort zur deutschen Ausgabe der "Histoire de l'oeil", "wahrer vielleicht als der Erotismus eher idealistisch gesonnener Erotomanen der zeitgenössischen Kunst und Literatur, sicher aber auch 'asozialer', wenn man so will elitärer, ein Eros, dessen Lust sich darin erschöpft, sich selbst als Metapher zu begreifen".

So gesehen sind die Protagonisten der "Histoire de l'oeil" oder auch der anderen scho-ckierenden Schriften von Bataille weniger als real handelnde Personen anzusehen, vielmehr als Chiff-ren der erotischen Ekstase, die den Prinzipien des Heterogenen gerecht werden sollen. Das beruhigt uns wieder, denn dort sind sie weniger bedrohlich. Aber selbst aus dieser Schlinge hinausgewunden - das Problem ist keineswegs gelöst. So oder so, wir entpuppen uns schließlich als nicht Lernfähige, und als solche klammern wir uns mit verzweifelter Gier an eine Illusion. Die Illusion, das Sexuelle verberge eine Lösung, einen Ausweg, einen Weg, eine Überraschung, ein Etwas. Auf einsamer Flur verharren wir. Das Kollektiv schafft keine Matrix, in der wir einen Ort des Seins finden können, an dem wir frei von Trouble und Verunsicherung wären.

Alles Schimäre, alles Ammenmärchen. Selbst wenn wir einigermaßen tugendhaft durch die Existenz avancieren, kurz nach dem Übermut der Jugend wird die Luft dünn. Allen Vorgaben gerecht zu werden, überfordert uns. Die Melancholie frisst uns Kraft und Lebensmut weg. Und auf diesem Trampelpfad kapitulieren wir peu à peu. Unausweichlich erliegen wir einer kleinen, großen, kitschigen, fatalen, romantischen Vorstellung: Im Schoß des Anderen, des Gegenübers, einer einzigen Person, auf die wir alles setzen, fantasieren wir den ultimativen Ruhepol. Wir suchen nach Ruhe und wir nennen es Liebe.
Artaud hätte gesagt, "von wegen Liebe!, in Kauf nehmend, das der als Liebe getarnte Sexzwang euch einfach die nächsten Ketten anlegt, ihr Narren!, lasst euch mit der Legende des süßen Spleens betäuben". Ausblendend, dass wir in einer Kammer landen, die von vielen Dämonen belagert wird, lassen wir von diesem Märchen nicht ab. Wir schaufeln uns am Ende der Sackgasse tiefer und tiefer in diese hinein. Maulwürfe, emsig und blind wie sie. Wir geben uns allen kleinkarierten und vorgestanzten Querelen hin. Mit Eifersucht und Eheverträgen inszenieren wir klare Zugehörigkeitsverhältnisse. Dann bleibt uns nichts anderes, als diese zu unterlaufen, und nichts als Heimlichkeiten, wie sie Emma Bovary träumte, geben uns sekundenlang die Illusion, frei zu sein.
Am Ende der Sackgasse gefangen, versuchen wir mit Würde, unsere Ohnmacht auszubalancieren. Aus Verzweiflung die Flucht nach vorn ergreifen. Die weiße Fahne hissen. Wir deklarieren eine Person zur geliebtesten und riegeln alles ab. Zwei Säuglinge, einander umklammernd, verkünden, während sie in Traurigkeit ersticken, das Areal der Normalität abgesteckt zu haben. Welch eine Torheit! Auf Zahl setzen, und während sich der Teller dreht und dreht und langsamer wird und die Kugel nur noch auf die Kanten zwischen den Zahlen hüpft, die Augen schließen.

Ob kläglicher Rettungsversuch für die Seele und die Sinne, wir lassen nicht los, auch wenn viele Abgeklärte sich immer wieder bemühen, uns von der Bedrängnis des Begehrens zu befreien. Harlekine, die wir sind, wir hören nicht auf zu hoffen. Im Leichtsinn und in der Ungewissheit hoffen wir. Der Betrug, den die Verheißung von Zweisamkeit kaschiert hat, wird uns stets in wilde Unruhe versetzen. Und wir werden immer wieder aus Kammern ausbrechen, umherirren und suchen, bis es nicht mehr schmerzt.

Und was passiert? Dieser Schmerz wird, ohne dass wir es vernommen hätten, allmählich ein süßer Schmerz, wir gewöhnen uns an ihn, arrangieren uns, leben mit ihm. Schließlich können wir gar feststellen, alle unsere Neurosen platzieren sich brav drumherum. Unmerklich schützen wir diesen süß gewordenen Schmerz sogar. Fast könnte man glauben, ohne ihn wären wir verloren. Also bepudern wir unseren Schmerz mit den besten und mit den absurdesten Handlungen. Ob wir einem Waschzwang folgen, in makellose Arbeit uns stürzen oder ständig Huren aufsuchen müssen, die uns an Spielzeug anbinden - Sisyphos gleich, denken wir, Thanatos neutralisiert zu haben - so wie die Klienten von Schönheitschirurgen tatsächlich bald glauben, unsterblich zu sein. Und obwohl die Entzauberung umso klarer kommt - wir hören nicht auf, mit unserem Aktionismus die Schmerzherde zu besänftigen, aber nichts hilft. Schwitzend rollen wir immer wieder die dicken Steine den Berg hoch. Immer wieder, denn nur die besten und absurden Handlungen können uns sachte ablenken, sanft betäuben, kurzweilig. Die Mutigen (oder sind es die Feiglinge?) hoppeln direkt von Rausch zu Rausch, der Exzess verschlingt sie ... dafür sterben sie meist früher. Im Lachen der Verzweiflung finden wir eine Zutraulichkeit, einen Strohhalm.

Leise begleiten uns unsere Träume von Verworfenheit und nur beiläufig lassen wir einen verschmusten Blick zur Seite zu. Wenn es engherzig wird zwischen uns und der Welt, verschärfen sich die Fronten. Wir lecken unsere Wunden und lassen die gewohnte Kälte über uns ergehen. Dennoch ahnen wir ein Tun und Handeln jenseits unserer selbst: In einer staubigen Nebenstube ertastet Sigmund Freud den Nerv der Sache. Das ehrgeizige Über-Ich wankt, geht in die Knie. Das Ich geht auf die Barrikaden. Schluss mit der Berechenbarkeit, die dem Begehren bislang unterstellt wurde. Es gibt ein Organ des Abgründigen: das Unbewusste. Endlich haben wir es auf den Punkt gebracht. Herangezoomt, so nah es geht, an das Dilemma, an das Paradoxon. Finger weg, es gibt nichts anzufassen, nichts zu sezieren und zu zerlegen. Das Organ ist nicht gegenständlich. Wir haben es! Und doch sind wir aufgeschmissen, das Unbewusste, einer Fata Morgana gleich, unterläuft alle Regeln. Die Fantasie neckt uns abermals und überlässt uns den Tigern der Perversionen in der Arena unserer Ängste und Sehnsüchte.
Alle artigen Posten in uns sitzen brav auf der Zuschauertribüne und schlecken am kühlenden Eis. In der VIP-Loge erkennen wir Madame Abstinenz. Sie sitzt nur da, schaut nicht runter in die Arena - wie man leidet und wegschaut, wenn ein Verbündeter, ein Geschwister malträtiert wird.

Die Kunst ist ungebundener noch als das brausende Leben. In ihrem Haus tyrannisiert der Rausch unser Sehvermögen, unser Vorstellungsvermögen. Mit ihm erreichen uns die Hintergrundgeräusche, die nach einer tiefen Sehnsucht rufen. Die Sehnsucht nach Entgrenzung. In der Fülle von Sinnesverwirrungen erreicht uns endlich, einer Ohnmacht gleich, das Echo einer Vielstimmigkeit. Im Pathos des Rausches werfen wir alle Filter über Bord und in einem hingebungsvollen Lauschen und Sehen setzen wir uns allem Unbekannten aus. Das Verhältnis zwischen unserem Inneren und unserem Äußeren ist nicht mehr durch strikte Abgrenzung zu verstehen.

Wir sind zu etwas bereit. Eine Korrespondenz zwischen innen und außen stellt sich ein. Das scheinbare Chaos will wiederhergestellt werden, sucht Versöhnung, gelangt zur Ataraxia (das wohl unvollkommen mit "Seelenruhe der Weisen" übersetzt werden kann).

Um mit Charles Baudelaire zu sprechen, "das ist alles, die einzige Lösung. Um nicht das furchtbare Joch der Zeit zu spüren, das eure Schultern zerbricht und euch zur Erde beugt, müsst ihr euch berauschen, zügellos."
Doch womit? "Mit Wein, Poesie oder mit Tugend, womit ihr wollt. Aber berauschet euch! Und wenn ihr einmal auf den Stufen eines Palastes, auf dem grünen Gras eines Grabes, in der traurigen Einsamkeit eures Gemaches erwacht, der Rausch schon licht geworden oder verflogen ist, so fragt den Wind, die Woge, den Stern, den Vogel, die Uhr, alles, was flieht, alles, was seufzt, alles, was vorüberrollt, alles, was singt, alles, was spricht, fragt sie: 'Welche Zeit ist es?' Und der Wind, die Woge, der Stern, der Vogel, die Uhr werden euch antworten: Es ist Zeit, sich zu berauschen! Um nicht die gequälten Sklaven der Zeit zu sein, berauschet euch; berauscht euch ohne Ende; mit Wein, mit Poesie oder mit Tugend, womit ihr wollt", wird es abermals hallen.

In dieser konsequenten Hymne sucht Baudelaire, in der Zügellosigkeit des Dionysischen, ohne Umschweife, mit uns den Trost. Alsdann entsteht die so ersehnte Selbstvergessenheit. Mit allen Herausforderungen der Welt rutschen wir an den Rand unserer selbst, strecken doch die Waffen. Es rebelliert in uns endlich alles Sortierte und Gebeugte. Für wen so viel Tapferkeit? Für was?
Nur der Rausch kann uns davontragen und trösten. Nur er kann uns eine Erlösung aus der Zeit gewähren, ein Entkommen.

Mit dieser Ahnung holt uns Michael Weisser in seine Gefilde. Michael Weisser – der Unruhestifter. "Identität bleibt immer unerfüllt und damit stets bewegt auf der Suche."
Was will, was sagt Michael Weisser mit diesem Satz? Was sucht sein Fanatismus? Was macht sein multimediales Spiel? Die Verführungskraft von weiteren Perspektiven, Blickwinkeln, Standpunkten, Umkehrungen, mit Bild, Wort, Klang, Fotografie, Ausschnitten, Screen-Shots hält Michael Weissers Agieren stets in Bewegung. Das bedroht ihn nicht, er sucht nicht, indem er sich in eine Richtung bewegt, er reißt alle Register mit. Er stemmt uns mit sich gegen die Macht der Verdrängung und dennoch nehmen seine Gegenstände nicht die Position des Opfers oder des Gequälten ein. Es liegt etwas Magisch-Zwingendes in der Energie seiner Arbeit.

Rastlos sucht er, besteigt und erobert, sammelt und verwandelt. Und fragt und wendet und bildet ab und wirft schließlich ein ganz neues Licht auf sein Objekt. Das erste Rätsel ist gelüftet, die ersten Irritationen heben sich auf - dafür schiebt er neue ins Feld.
Nicht die Sehnsucht wird bebildert oder abgebildet, vielmehr ist sein Schaffen ein Agieren, das selbst Ausdruck von Sehnen und Suchen ist. Eine neue Unordnung entsteht. Wieder sind wir gefordert. Wieder lässt er keine Ruhe. Vielleicht ist es genau die Ruhe, vor der er flieht. Als könnte diese einen bedrohlichen Stillstand einläuten. Also wütet er weiter, schubst uns vor und wieder zurück. Und lässt uns mit sich staunen.
Oft zieht er sein Objekt, seine Beute derart dicht heran, dass diese unkenntlich wird. War da was? "Ich ordne das Rauschen immer wieder neu." Die wilden Wolken am Cuxhavener Himmel, der Geschmack und Geruch von Salz in der Luft und in den Meereswellen lassen ahnen, dass das Rauschen bereits als Kind vertraut war. So lässt sich Heimat als wichtiger Standort des Schaffens und zentrale Quelle von Inspiration verstehen.

Verkleinerungen, wie Großaufnahmen, wirken verstörend - sie entlarven und modifizieren - und dann nimmt Michael Weisser wieder Abstand. Nach der Eroberung und Zerstörung des ersten Erscheinungsbildes nimmt er uns wieder an die Hand und zerrt uns davon. Wechsel, Aufmischung. In der Bewegung verändert er die Perspektive, das Lichtverhältnis, den Ausschnitt. Das Muster ist verschwunden. Siehe da, der Abstand schafft den anderen Blick, das andere Bild – das Ursprüngliche ist nicht mehr erkennbar, unser Gedächtnis läuft Amok. Hilflos, besoffen im Gefühl, stehen wir da: Da war doch was!
Wir erinnern uns an die Verzauberung von Walter Benjamin - "Unter der Großaufnahme dehnt sich der Raum, unter der Zeitlupe die Bewegung" - an sein Entzücken, als er die Metamorphosen unserer Wahrnehmung am Beispiel Film vernimmt: "Unsere Kneipen und Großstadtstraßen, unsere Büros und möblierten Zimmer, unsere Bahnhöfe und Fabriken schienen uns hoffnungslos einzuschließen. Da kam der Film und hat diese Kerkerwelt mit dem Dynamit der Zehntelsekunden gesprengt, so dass wir nun zwischen ihren weitverstreuten Trümmern gelassen abenteuerliche Reisen unternehmen" - so entstehen die Reisen mit Michael Weisser.

In der Dekonstruktion, der Demontage, der Zerstörung gewohnter Bilder entlässt er uns nie vor dem Scherbenhaufen. Er entwickelt in den Eroberungsstreifzügen, auf die er uns einlädt, eine fantastisch kindliche Neugier. Kaum hat er seinen Gegenstand zerlegt, schon baut er zielstrebig, minutiös das Neue. Er mischt ohne Furcht verschiedene Medien, bedient sich verspielt des Besten, was uns die Tradition überliefert, er steigert das Experiment, indem er ohne zu zögern die surrealen digitalen Spiele, die sich uns in den letzten Jahren eröffnen, einbringt.

Mit klassischen und mit Neuen Medien jongliert er. Ein Alchimist. Der Blick siebt immer wieder neu, die neue Beute wird immer wieder bewegt. Er kennt keine Berührungsängste vor den Materialien; wie Bausteine werden sie eingesetzt, klein gezoomt, analog hochgezogen, vervielfältigt, unendlich multipliziert, zerknittert, verklebt, wieder fotografiert. Ein balanceartiger Prozess, der nicht aufhört uns neugierig zu machen auf das, was die Welt zusammenhält. Wie ein Kind, das die Puppe aufschlitzt, um neugierig hineinzuschauen. Er schreckt keineswegs vor dem Tod der Puppe zurück. Das Innenleben der Puppe lässt alles Bisherige wegkippen. Keine Tränen nach dem Verlorenen. Mit dem Vergrößerungsglas des sezierenden Chirurgen geht er nun an Fäden, Knöpfe, Stoffe, unbekannte Farben, andere Strukturen, an eine neue Welt. Aus der eigenschaftslosen „materia prima“ leitet er eine unbekannte „quinta essentia“ ab. Der Mord an der Puppe ist der Auftakt zum nächsten Abenteuer. Er reißt uns am Ärmel mit und in diesem unersättlich ungewissen Moment bündelt Michael Weisser unsere ganze Sehnsucht, nimmt uns mit, in einem unsicheren Tanz und Experiment.
Und schubst und schüttelt uns und treibt uns an die Grenzen des vertrauten Terrains, der Sehgewohnheiten, der ästhetischen, platt getrampelten Pfade.
Er sucht und sucht und sucht, manisch.
Chaos wird provoziert, er nimmt die Fläche, den Raum auseinander, und kaum sind wir verwirrt und lassen uns ein auf ein Flirren, entdecken wir eine neue Gesetzmäßigkeit. Michael Weisser lässt uns nicht lange im Regen stehen. Die Aporie, den Nebel der Ratlosigkeit, hält er nicht lange aus.

Der gezielte Einsatz von Wiederholung ist auffallend. Die Wiederholung gibt kurz vor, uns eine Atempause zu gönnen. Gibt aber keine Atempause, vielmehr stößt sie ein ganz neues Fenster auf. Die Wiederholung führt uns zur Besinnung. Als wir gerade annahmen, dass sie uns autistisch und redundant langweilen wollte, dass wir uns in ihrer Mulde erholen könnten, vernehmen wir überraschend, dass das andere passiert. Genau das Gegenteil. Die Wiederholung führt uns zum Wesentlichen. So wie wir den Tanz der Derwische verstehen, die in der musikalischen Bewegtheit eine Ekstase finden, die ihnen den Weg zu Spiritualität eröffnet. Im harrenden Moment wird unsere Zerstreuung gestoppt. Hier verwandelt sich etwas. Eine Irritation, die uns zu einem Übergang leitet. Nichts soll uns ablenken, ein neues Feld tut sich auf. Der Wahrnehmungsstrom wird angehalten. Mit der Wiederholung entdecken wir das Detail. Durch die Wiederholung wird das entscheidende Detail isoliert. Durch sie besinnen wir uns.

Wir werden weiter verwirrt. Es gibt doch Neuschnee! Der erzeugte Rausch, ein Taumel unserer Sinne, in dem wir kurz den Boden unter uns verlieren, ist der Ort, wohin er uns entführt. Und jetzt befinden wir uns wieder am Anfang. Denn was wir sehen, erscheint ungewohnt, anders. Wir können es noch nicht genau sagen, aber sein Spiel mit Distanz und Nähe hat in der Tat eine Aporie geschaffen, in der wir mit ihm uns zu allem bereit fühlen. Das weiße Rauschen ist erreicht, alles ist möglich. Das ist die Energie, die seine Kunst gibt und ausstrahlt.

Sequenzen, Felder, Räume. Michael Weisser fragmentiert die Welt, meistens in ein Mal ein Meter. Immer wieder. Er fragmentiert die Wahrheit, Stücke davon. Und präsentiert uns diese in neuen Kleidern. So verkleinert, dass es dem Auge wehtut. Es rauscht. Und dringend suchen wir Abstand. Fern präsentiert sich die Fläche neu. Mit dieser Polarität schafft es Michael Weisser, uns zu halten, außer Atem zu halten, in jedem Anlauf erneut zu überraschen. Wie ein scharfer Diamant schaffen es die neuen Konstellationen stets Ausgangspunkte zu errichten, die auf Messers Schneide ihren Neubeginn markieren. Nach dem Experiment ist vor dem Experiment. Ist es gar die schiere Angst vor Stillstand, die so viel Kraft bündelt? Das Metaphysische gewinnt an Raum. Das Inbild des Lebens wird wichtiger als sein Abbild. So wie die Philosophie des Rausches selbst berauschend klingt, mit ihrer faustischen Unendlichkeit im Busen, so treten wir als Betrachter, Zuhörer, Leser mit unserer Bereitschaft an. Von unserem Posten aus sind wir sprungbereit. Nicht die Welt gilt als das Primäre, sondern die Seele. Nicht die Welt spiegelt sich im Ich, sondern das Ich zeigt sich verloren.

Die Sprache von Michael Weisser überlässt wenig dem Zufall. Mit Leidenschaft sortiert er, wandelt er um und stellt auf den Kopf. Den eigenen Roman seziert er buchstäblich und zerlegt ihn Seite für Seite. Auch mit diesem Medium gönnt er uns keine Nische der Ruhe. Er zerknüllt die Seiten, knäult und klebt in regelmäßigen Abständen auf eine Fläche. Nimmt den letzten Punkt und zeigt uns diesen im gigantischen Ausmaß: Reduziert auf ein Punktfeld ... lässt uns ausharren, bis es flimmert.
Vitalität, Intensität geben den Ton an. Wie ein reinigendes Gewitter bricht ein grelles Licht ein, eine wohltuende Entzauberung. Neue Bilder entstehen.

Es wird nicht retuschiert, wenig koloriert, Unmittelbarkeit wird gesucht. Auf Kausalität und Logik wird verzichtet. Die romantischen Träume verrecken jämmerlich am Straßenrand, während die Seele im Selbstgespräch das Gleichgewicht sucht. Die Akzeptanz des Chaos rückt in die Mitte. Dieses Chaos spiegelt unsere intimsten Widersprüche. Die vibrierenden und schillernden Facetten der digitalen Ära verleihen der neuen Ästhetik eine vierte Dimension.

Wenn sich unsere Vernunft aufbäumt, wollen wir den Rausch als Schwindel enttarnen. Ein Sirenengesang, der uns ins Chaos zu stürzen droht, unsere Sinne verwirrt und uns die Beherrschung verlieren lässt. Unser Über-Ich stellt seine Schutzschilde auf und wieder sind wir in der Monotonie des Absehbaren gefangen. Es gibt in uns ein Wissen, das genau um dieses Dilemma weiß und uns nur manchmal Zugang zum Taumel gewährt. Unsere Träume und Albträume unterlaufen stets diese Schranken, und nicht selten befinden wir uns nur da, ohne Orientierung. Und dieses Terrain, das eine von Tarkowski entworfene Landschaft sein könnte, bleibt unser Bestechungsareal. Von dort aus warten wir immer, abgeholt zu werden, am Wegesrand. Hier können wir uns verlieren und können endlich unserer Sehnsucht nach Intensität Luft machen, toben mit unserer Wut, unserer Scham, unseren kaum gelockerten Fesseln.

Sollten wir noch mutiger sein, begehen wir die Ausschweifung wie einen Initiationsritus. Die misanthropische Nüchternheit beiseiteschiebend wollen wir es wagen, am Rande eines Gebiets, das uns vertraut war, dort, wo Titel und Etikette nichts zählen, am Roulettetisch. An diesem Ort außerhalb der Welt verschlingt uns das Geschehen. In der Entgrenzung, scheint es, kann man die Isolation leichter ertragen, in Blitzmomenten könnte man meinen, sie gar überwunden zu haben. Schon packt uns der Übermut. Selbst Liebende können wir warten lassen. Wir vergessen unsere Schulden, unsere Zwänge, unsere Einschränkungen. Wir nehmen in Kauf, später noch viel größere Probleme zu haben. Am Roulettetisch vergessen wir das Gewicht des Geldes und mit unserem Herzklopfen können wir der Welt für einen Moment den Rücken kehren. Ein Fegefeuer. Doch das Monster Zeit greift erbarmungslos. Mehr als Momente sind nicht drin im Entkommen. Wir sind Kinder und nie darüber hinausgekommen. Im Versuch der Initiation drehen wir immer wieder die Kehrtwende. Wir versuchen das Glück bei den Haaren zu krallen, und in dieser Folie steckt auch Kaltblütigkeit, Entschiedenheit, Tugend im lateinischen Sinn des Wortes "virtus", das Tapferkeit meint. Und wie lässt sich nun die Spur der Vernunft schützen?

Mit Scheuklappen? Das wäre schade.
Mit Bigotterie? Das wäre zu dumm.
Mit einer stillen Sublimierung?

Hoffentlich, nur solch eine heilsame Umwandlung kann unser Gleichgewicht halten. Denn es ist eine ungeheure Leistung, still zu bleiben, die Balance aufrechtzuerhalten. Schließlich können wir uns wundern, dass nicht viel mehr Menschen zu gewalttätigen Amokläufern werden. Wir können staunen, wie still das Menschsein weilt. Während die Hitze aller Widersprüche nicht aufhört zu provozieren, legen wir uns leise in den Schatten.

Uns bleibt nur die Würde dieser Ohnmacht.

Dr. Isabelle Azoulay, Philosophin/Soziologin

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Azoulay, Sachsse, Weisser
all:about:sehnsucht
Das mediale Gesamtwerk von Michael Weisser
am ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, ergänzt durch aktuelle Arbeiten.
Deutscher Kunstverlag, Berlin/München 2011, S. 7-12



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